Leben

Leben

Meist geschieht es an Rändern,
An Grenzen von Ländern,
An Mondaufgängen
und Straßenengen.

Am Anfang und Ende,
Im Streit ganz behände,
In Bus oder Bahn
Schickt das Leben sich an.

An warmen Treppensteinen,
Ja, auch wenn Leute weinen,
Maskenlos der Ort,
Echtheit spürt man dort.

Ich will’s doch immer schaun’!
Nehmen mit Weil,
Bemerk’s doch sonst kaum,
Fliehend, selbst voll Eil.

© Marcus Lewerenz

Das Kurze und das Weite

Es war ein guter Tag, würden sie finden, es ihm sagen, und er sich bemühen, ihnen, mit einem zur-Kenntnis-nehmenden Blick, zu antworten. Er zog an seiner dünnen Zigarette und genoss den Moment. Seine Hand war knittrig und alt, wie auch er alt war. Genau wusste er es nicht, aber er schätzte in den Siebzigern. Er war schnell gealtert, hatte von Bier und Frauen gelebt, glaubte er – zumindest solange beides miteinander vereinbar war. Aber war es denn ein guter Tag? Sicher, aus den Augen der jungen Leute musste es ein guter Tag für einen Alten sein, wenn er wach war, wie sie. Für sich selbst allerdings wusste er es nicht sicher. Er verbrachte viel Zeit in Dämmerzuständen, einer Abwesenheit, wie es die Anderen empfinden mussten. Als es anfing, hatte er viel darüber nachgedacht, es aber auch geschehen lassen, weil er müde war. Ausgelöst hatte es wohl eine Kleinigkeit. Vielleicht wirkte sie wie der letzte Schubs, der notwendig war, um diesen langsamen Abschied ins Rollen zu bringen, zu erkennen, dass die Willenskraft aufgebraucht war. Vielleicht hatten seine Kinder ihn nicht besucht oder er verstand wieder einmal diese rasende Welt nicht mehr. Er zog ein weiteres Mal an seiner Zigarette – seine Einzige am Tag, mehr schaffte er nicht. Gleich müsste es Kaffee geben, glaubte er. Eine Schwester würde über den Flur fegen und die Leute zusammenrufen. Er käme von allein an den Tisch. Die Schwester würde es bemerken, und ihm schließlich sagen, es wäre ein guter Tag. Vielleicht würde sie es auch nur zu einem der anderen Pfleger sagen. Den Kaffee wollte er ebenfalls sehr genießen.

An seinen Dämmerzuständen fand er selbst nichts Schlechtes. Es war wie ein Loslassen. Die angesammelten Gefühle aus seinem Leben bestimmten dann seine Existenz. Leider waren sie nicht durchweg gut. Hatte er sich doch immer eher als Opfer gesehen, und letztlich mit innerem Gram auf die Ereignisse reagiert. Selbst bewegt hatte er sich nicht, um das zu ändern. Das wusste er jetzt. Und auch darüber empfand er Gram. Warum war es ihm erst so spät klar geworden, hatte es ihm niemand früher gesagt? Vielleicht hatte man das ja, und er hatte es nicht verstanden. Er hätte gerne so viel probiert, blieb jedoch immer seinen Vorstellungen von Pflicht treu. Da diese Gefühle jedoch auch im Wachen bei ihm waren, ja ihn, mit allen anderen Gefühlen, ausmachten, empfand er sie in den traumgleichen Phasen nicht störender als im Wachen. Sie gehörten zu ihm und er lebte in ihnen, spielte sie immer wieder ab und ließ sie mit den anderen, besseren Gefühlen und Erfahrungen seines Lebens in Berührung kommen. Er vermutete auch, dass er früher einmal ein Professor oder Ähnliches gewesen war, da er doch zu solcher Selbstreflexion im Stande war. Bei diesem Versuch des Selbstlobes musste er schmunzeln. Schmunzeln, auch etwas, dass er früher wenig getan hatte. Etwas vergeudet kam er sich vor. Hatte er doch immer alles richtig machen wollen und blieb sich so selbst fern. Er bekam Panik. So nahe war er der Selbsteinsicht nicht oft gekommen, und auch jetzt blies er sie lieber nach einem weiteren Zug davon. Trotzdem, er blieb dabei: Ein wacher Tag war in seinem Alter nicht zwingend ein guter Tag.

Eine Schwester kam herein, ihr folgte ein junger Pfleger. Zuerst wusste er nicht, was sie wollten, doch als die Schwester aus einem Schrank eine dieser blauen Windeln holte, fiel ihm ein, dass er auf einem Toilettenstuhl saß, während er geraucht und aus dem Fenster geblickt hatte. Der junge Pfleger bat ihn, aufzustehen, und das tat er. Den Willen, diesem Jungen das Leben schwer zu machen, hatte er nicht mehr. Er ließ sich von ihm umdrehen, und hielt sich nun leicht gebückt stehend an den Armlehnen des Stuhls fest, während der Junge ihn säuberte. Er strengte sich an, um leicht unangenehm berührt zu wirken, und so den Pflegern zu zeigen, dass er noch wusste, in welchen Kategorien sie dachten, und dass es dazu gehörte, sich unangenehm zu fühlen, wenn man sich selbst nicht mehr erleichtern und säubern konnte. Letztendlich war es ihm jedoch nicht mehr so wichtig, und er wusste auch nicht, warum er etwas anderes vorspielte. Vielleicht war es der Drang, irgendwie noch dazuzugehören, irgendwie noch menschlich zu sein, ein letzter Rest von Lebenswillen. Nachdem er angezogen, und der Toilettenstuhl mit einem Deckel versehen war, setzte er sich wieder. Draußen schien die Sonne und die Bäume waren grün. Es musste Sommer sein. Oder ein später Frühling. Wo er war, wusste er nicht. Manchmal wusste er nicht einmal, wo sein Bett stand. Vielleicht hatte er es gewusst, als er herkam, das schien ihm jedoch schon lange her. Er bewältigte den Tag, indem er seiner Intuition folgte, wenn er etwas suchte – er verließ sich darauf, dass sein Unterbewusstsein sich in den letzten Jahren eingewöhnt hatte. Der rauschende Baum versetzte ihn wieder in einen verträumten Zustand, obwohl Dämmerung doch besser passte, fand er. Er ließ es zu, und verließ sich darauf, dass er zum Kaffee wieder zurückkehren würde.

Als die Schwester ihn schließlich irgendwann an den Tisch setzte, sah er, wie auch andere gebracht wurden. Ging es ihnen ähnlich? Oder waren sie noch lebendiger als er? Er konnte es nicht erkennen. Sie waren ihm fern. Er erkannte oft nur ihre Gemütslage und ihre Anwesenheit. Vielleicht geht man die letzte Reise nun einmal allein. Es war wohl auch besser so. Die Kaffeetasse stand dampfend vor ihm. Er sog den Geruch ein, als er seine Nase erreichte. So wie Zigaretten widerlich schmeckten, schmeckte auch Kaffee, oder andere Süchtigmacher. Man musste sich daran gewöhnen, um es zu genießen. Ging es doch nicht um den Geschmack, sondern um die Möglichkeit, den Moment auszukosten. Erst später lernte man auch den Geschmack lieben. Um rastlose Wesen zum Halten zu bewegen, war oft etwas Bemerkenswertes, und zuweilen Bitteres in einem edlen Mantel notwendig. Es waren Stützen, um zu sich selbst zu finden, dem Rastlosen eine Rast zu schaffen. Zigaretten und Kaffee halfen ihm im Alltag über schwierige, aber auch schöne Momente hinweg. Als würde alles letztlich ausgeglichen werden. Das Bedürfnis nach einem Kaffee, wenn man das Glück in einem Moment einfach nicht mehr aushielt und es auf ein erträgliches Maß heruntertrinken oder -rauchen musste, so dass Körper und Geist wieder im Einklang waren.

Wann war es eigentlich, als er wach und rauchend auf dem Toilettensitz saß? War es heute gewesen, oder schon ein paar Tage her? Er fühlte sich nicht mehr so klar. Vielleicht würde der Kaffee helfen, wenn er es schaffte, ihn zu trinken. Die kleine Tasse mit dem Goldrand hatte einen Sprung, der ihm so deutlich ins Auge sprang, dass es fast wehtat. Sie war so erschreckend real. Weit realer, als er es selbst war. Ihr Rand war so absolut, all ihre Kanten, der Henkel, ihr Material, ihre Ausdehnung so körperlich, dass er befürchtete, es würde ihn schmerzen, wenn er sie berührte, um sie anzuheben. Ihm war, als könne er kaum noch die Willenskraft aufbringen, die Wirklichkeit dieser Tasse anzuerkennen. In seinem Universum existierte sie nicht mehr als eine körperliche Präsenz, für ihn war sie als Vorstellung realer. Seine Wirklichkeit wurde schleichend zu etwas anderem, und so nahm er die Welt immer weniger wahr und entblich ihr allmählich. Er konnte sich nicht mehr auf etwas so konkretes konzentrieren, wobei selbst das Wort ‚konkret‘ bereits so schneidend auf eine Bedeutung festgelegt war, dass er es im Geiste nicht formulierte, sondern nur etwas in dieser Art empfand. So ging es ihm in allem, was er noch erfuhr. Er fühlte mehr, als dass er dachte. Es entfielen ihm immer mehr Erinnerungen, sie spielten auch kaum eine Rolle, war doch das Gefühl nun ausschlaggebend.

Der Fernseher lief, und einige seiner Mitbewohner saßen davor, auch er selbst schaute hin, doch sah er nicht mehr richtig zu. Eine Frau am Nachbartisch erinnerte ihn an sich selbst. Vielleicht weil sie ihm verloren vorkam. Etwas bereuend, oder vermissend. An die Kindheit denkend und vielleicht sich fragend, warum sie es nicht geschafft hatte, das Kind, dass sie einst war, bis hierher in sich zu tragen. Doch auf eine bestimmte Weise war es auch gut. Die Umarmung der Dämmerung war warm und bot Schutz. Wir alle hatten dieses Leben, wir scheiterten, wir bereuten, verletzten und waren doch nur diese kleinen Wesen, die mal auf die Welt gekommen waren. Wir litten, wir liebten, wir weinten und lachten. Einige schafften es vielleicht, der Verantwortung gegenüber sich selbst gerecht zu werden, doch viele schafften es nicht, töteten sich über viele Jahre selbst. Er gehörte dazu, das wusste er. Doch auf irgendeine Weise war das nichts Schlechtes. So etwas passierte und letztlich waren alle gleich, wie aus demselben Ei. Er war zu weit gegangen, um jetzt noch verbittert zu sein, es spielte kaum noch eine Rolle, und so akzeptierte er sich. Der junge Pfleger wollte ihn zum Trinken animieren und deutete auf seine Tabletten neben dem Teller. Er ignorierte ihn, doch der Junge bestand darauf und hielt ihm die Tabletten hin. Wozu sollte er sie nehmen, was hatte er davon? Es schien, als würde es dem Pfleger mehr bringen als ihm selbst, wenn er sie nahm. Vielleicht nahm man sie genau deshalb, damit sich die Anderen gut fühlten. Er drehte seinen Kopf weg, und dämmerte in seine Welt. Mochten sie ihm die Tabletten einflößen oder nicht. Sein Inneres bewegte sich in Wellen, alte Gefühle aus seinem Leben mischten sich untereinander, ließen sich Revue passieren bis sie alles waren, was er war, ihre Zusammensetzung ihn ganz ausmachte. Denn sie war einzigartig unter Allem. Seine Gedanken verloren immer mehr an Schärfe, waren sie doch so lange scharf gewesen. Die Stille forderte nun ihren Ausgleich und er verlor den Bezug zur Sprache. Lange schwebte er als diese Wolke aus Gefühlen, bis er sich wieder sammelte und wacher und konzentrierter wurde. Es gab jedoch kein Bett mehr, oder auch kein Gefühl mehr, in seinem Bett zu erwachen. Und doch war es ganz ähnlich. Er musste sich nicht auf Gegenstände einlassen oder auf Stimmen. Alles das war verblichen und gewichtslos. Er kannte dieses Gefühl, er hatte es schon viele Male erlebt. Auch das ‚er‘ haftete ihm nur noch als schwächer werdende Erinnerung an. Er musste in den Äther hinübergedämmert sein. Seine wache Phase allerdings hielt nicht lange an, immer wieder verblieb er im Traum. Doch nach und nach wusste er, dass er das Weite suchen würde und, dass es dann soweit war, wenn auch er es war. Er, oder jetzt eher es selbst, war ein Kurzes. Es fühlte die ferne Anwesenheit des Weiten und die Notwendigkeit, weiter zu dämmern, bis es frei war von so viel Konkretem, bis es sein Leben endgültig losgelassen hatte, und bereit war. Die Zeit, die bis dahin vergehen würde, konnte unmöglich gemessen werden, gab es doch keine Bezugspunkte. Es gab nur das Sein, und schließlich den losgelösten Zustand. Zeit hatte hier keine andere Bedeutung als diese.

Als es schließlich soweit war, verstand das Kurze, dass es ein Teil des Weiten war, und es nur darauf ankam, zu sich selbst zu finden. Jenes Selbst, das allen gemeinsam war. Der weite Teil empfand dem Kurzen gegenüber ein Bedauern über den Gram in sich, aber auch Mitleid und Ermunterung. Das Kurze antwortete dem weiten Teil mit Müdigkeit. Viel differenzierter konnte es sich noch nicht fokussieren, doch dies war auch das wesentliche Gefühl, das es jetzt ausmachte.

Das Weite blickte mit Liebe auf dieses Kurze und erkannte es statt an seinem Namen an seinem Gefühlsgemisch. Ein weiteres Leben würde diesem Kurzen auch eine Veränderung dieses Namens einbringen. Doch es schien wirklich sehr müde, wenn es sich richtig in das Kurze hineinversetzte. Die Müdigkeit, die Sehnsucht nach der Dämmerung, in der Gedanken schweiften, ohne Mühe. Gut, sollte es dämmern, so wie das Weite selbst einst und auch jetzt immer wieder.

Vor Äonen bestand das Weite noch nicht, so wie heute. Es dämmerte ganze Ewigkeiten, bis schließlich die ersten Momente der Selbstempfindung begannen, doch versank es immer wieder im Meer des Träumens. Immer, wenn es sich daraus emporschwang, um sich selbst bewusst zu sein, war es auch bereits wieder im Begriff, zu sinken, bis auch dieser Rhythmus dem Selbst bewusst wurde. Und so fing es an, die Phasen des Bewussten mit seiner Willenskraft zu verlängern. Die Dämmerphasen wechselten immer gleichmäßiger mit der Bewusstheit, bis eine vollständige Harmonie herrschte, und das Selbst kaum noch Mühe hatte, diesen Rhythmus zu erhalten.

Mit dem Wechsel der Zustände formierte sich für unsere Wesenheit das Konzept der Zeit. Eine sehr lange Zeit erhielt es nur diesen Rhythmus aufrecht, bis es schließlich begann, einzelne Phasen zu verkürzen und zu verlängern. Doch es lernte, dass nach längeren Wachphasen auch immer längere Dämmerphasen folgten, so dass die Harmonie stets ihren Ausgleich forderte. Aus sich selbst heraus hatte das Weite, dass sich damals nur als Selbst empfand, mit diesem harmonischen Rhythmus also etwas Eigenständiges erschaffen, das sich erhielt und auf das unsere Wesenheit nur begrenzten Einfluss hatte. So ließ es also die Harmonie gewähren, auch wenn das Selbst hin und wieder Phasen dehnte. Allein die Selbstständigkeit der Harmonie bereicherte das ansonsten nur mit sich selbst bekannte Wesen. Beflügelt von seiner Schöpfung, die immer noch Teil des Selbst war, erkannte es auch neue Gefühle in sich. Jenes, welches die Dämmerphasen verlängern wollte, da die bewusste Zeit zu viel Willen forderte, und dieses, das drängte, die Wachheit zu verlängern, da es so interessant war, bewusst zu fühlen und zu erfahren. Beide Strömungen waren im Grunde von gleicher Stärke, die sich nur zeitweise unterschied.

Unser Wesen war sich also nicht nur selbst bewusst geworden, hatte den Rhythmus des Wachens und des Dämmerns mit der Kraft seines Willens geschaffen und so die Zeit entdeckt – es war auch selbst komplexer geworden. Als es sich der beiden neuen Gefühlsströmungen bewusst wurde und auch der Tatsache, dass sie sich gegenseitig ausglichen, durchfuhr dieses Selbst eine Art Zufriedenheit – weil es wieder eine neue Erfahrung war. Auch über die Zufriedenheit sann es nach, und über ihr Fehlen, und das daraus resultierende Gefühl der Leere, der Abwesenheit von Erfahrung. Die Zufriedenheit selbst gab wieder Willenskraft zu neuer Erfahrung und Erhaltung des bewussten Zustands, während ihr Fehlen zur Dämmerung führte. Auf diese Weise begriff das Selbst das Konzept der Energie und ihres Fehlens. Ersteres war ein Gefühl, das die eigene Seele erhellte und weitete, während Letzteres zur Ruhe führte, in die Abwesenheit des Hellen. Es war unserem Wesen auch bewusst, dass es das Helle nicht ohne den Kontrast zu seiner Abwesenheit gäbe, und dieses Dunkel auch notwendig war. So war also das Licht erfühlt worden, eng verbunden mit der Energie, der Zufriedenheit und der Bewusstheit. Auf der anderen Seite das Dunkel, verbunden mit der Ruhe, dem Fehlen von Energie und aktiven Erfahrungen.

All diese Konzepte betrachtend, wurde ihm klar, dass es zu allem auch das jeweils Fehlende gab. Es fragte sich, ob es auch Konzepte gäbe, die mehrerer Zustände bedürfen. Die Zahlen erschlossen sich auf diese Weise, sowie, nach weiterer Reflexion, die Anfänge der Mathematik. Dabei stellte es fest, dass die Zahl Zwei die Basis von allem war, da doch alles durch sich selbst und seiner Abwesenheit wahrgenommen werden konnte und dies zwei grundlegende Zustände beschreibt.

Durch das Erforschen der Mathematik lernte das Selbst die Konzentration und dessen Gegenüber – die Intuition – die beide für die Mathematik wichtig waren. Konnte doch die Konzentration ermöglichen, in allem den mathematischen Kern zu erkennen. Die Intuition diente dem Erforschen neuer Richtungen und der Schaffung neuer geschlossener Systeme aus Gesetzen, um so die Mathematik immer wieder zu erweitern. Nach langer Zeit erschuf es immer detailliertere Systeme, in denen verschiedene Gesetze herrschten, es fügte der Mathematik viele Dimensionen zu, die die Zeit ergänzten. Unter den erdachten Systemen war schließlich auch eines, in denen es den Raum erschuf mit seiner Tiefe, der Breite und der Höhe. In diesem System erschuf es Teile, die sich nur über die Zeit erstreckten und Energie banden, wieder andere Teile erstreckten sich auch im Raum. Das Selbst kombinierte diese Teile und ließ sie untereinander wirken, so dass sie in diesem Raum kleine Systeme bildeten, die sich selbst erhielten und wieder mit anderen Systemen zusammenwirkten. All dies war eine, von unserem Wesen erdachte und nur durch Willen aufrecht erhaltene Vorstellung, ein Gedankenexperiment. Als es sah, dass die erschaffenen Teile im Raum miteinander wirkten, sich an die erdachten Gesetz hielten, und es diese Vorstellung mit all ihren Details, auf Grund ihrer inneren Harmonie aufrecht erhalten konnte, vervielfachte es die Anzahl der erdachten kleinsten Teile massenhaft. Das Selbst war gespannt, wie die Teile sich weiterentwickeln würden. In der Tat bildeten sie immer neue Zusammenschlüsse immer größerer Ordnung, bis schließlich jene Teile entstanden, die später Atome genannt wurden, und auch sie wieder miteinander in Wechselwirkung traten. Äonen später hatte sich all die Materie, die sich aus den Atomen gebildet hatte, im Raum ausgedehnt, erste Sterne bildeten sich und Planeten entstanden aus dem Sonnenstaub. Die sich immer wiederholende Harmonie ließ das Universum sich fast von selbst entwickeln und unser Wesen beobachtete seine eigene Vorstellung fasziniert. Sonnen spendeten Energie, Planeten reckten sich in ihrem Licht und drehten sich um ihre Sterne wie Elektronen um den Atomkern. All diese Bezeichnungen waren noch nicht erdacht. Das Wesen jedoch empfand zu all diesen Arten von Materie individuelle Gedanken und Gefühle, die ihren Namen entsprachen.

Ewigkeiten vergingen, doch entstanden aus all den verschiedenen Teilen komplexere, die sich in ihren Umgebungen versuchten, zu erhalten. Auch diese Wesen wurden immer komplexer, und das Weite hatte Mühe, sich auf all diese zu konzentrieren, sich ihr Wirken vorzustellen, ihre Aktionen auszudenken, die dem Selbsterhalt dienten. Und schließlich ließ das Weite seine Gedanken an jener Stelle schweifen. Die Wesen jedoch existierten weiter und wurden so immer selbstständiger. Erstaunt erkannte das Weite in diesen Wesen die Verwandtschaft zu sich selbst, existierten sie doch in einer von Harmonie bestimmten Welt seiner Vorstellung. Sie waren nur nicht so weit wie es selbst, sie waren auf eine Art kürzer, die trotzdem all das eigene Potential in sich barg. Verwundert beobachtete das Weite diese kurzen Seelen. Ein Teil von ihnen würde später seinen Planeten Erde, seinen Mond Luna und die Sonne Sol nennen. Wieder andere erfanden andere Namen. Das Weite war fasziniert von den Sprachen, die einige Wesen entwickelten, um die Barriere der erdachten Grenzen Ihrer selbst zu überwinden. Von allen Sprachen, war ihm die Musik am nächsten. Gleichzeitig sah es die unbewusste tiefe Sehnsucht der Wesen, sich in Gänze miteinander zu vereinen. Vielleicht spürten sie tief im Inneren, dass sie alle ein Teil ein und desselben waren.

Die Menschen und Tiere und Pflanzen starben, wie es die Menschen nannten. Meist dann, wenn das Kurze darin müde wurde und sich erschöpft hatte von der Anstrengung, das eigene Leben zu erhalten und sich in dieser vorgestellten Welt zu bewegen. Andere Male verstarb der Körper, der den Gesetzen des erdachten Universums gehören musste. Ein Kurzes dämmerte meist nach dem Tode seines Körpers, bis es das Konkrete am Leben vollkommen losgelassen hatte und erst dann erfühlen konnte, was da schon immer im Hintergrund existierte, und von dem es ein Teil war.

Viele Kurze lebten Leben um Leben, ohne weiter zu werden, und doch passierte es irgendwann, ganz unvorhergesehen, oder auch sich stetig weitend. Ein paar Mal war es sogar geschehen, dass vorerst Kurze eine Weite erreicht hatten, die dem Weiten entsprach. Jene nahmen meist nicht wieder den Platz in der Vorstellung des Weiten ein, sie hatten sich von ihm unabhängig gemacht und hatten sich so auf die Existenzebene des Weiten gebracht. Sie berührten sich, die Gefühle überlagerten sich, doch ging jedes seine eigenen Wege und bereicherte so auch die Existenz des Weiten. Das Weite fragte sich, ob so neue Universen entstanden. Es wusste nicht, was genau diese neuen Weiten ausmachte, doch war es nicht mehr allein.

So ruhte also das Kurze, den Ausschweifungen des Weiten folgend, allmählich die Müdigkeit ablegend, sich Kraft ergreifend, bis es irgendwann genug geruht hatte, und nun das Bewusste anfing, seinen Ausgleich zu fordern, um dem kosmischen Rhythmus Tribut zu zollen. Zusammen mit dem Weiten stellte es sich dumpfe Geräusche vor, die es umgab, erinnerte sich an Berührungen aus vergangenen Leben und fühlte sogar diffuses, schwaches Licht. Immer intensiver fühlte es diese Eindrücke, bis es Geräusche wiedererkannte und sich daran festhielt. Die wachen Phasen wurden allmählich ausgeprägter, doch waren immer noch schwach. Das Weite begleitete es, wurde jedoch bereits leiser für unser Kurzes. Die Empfindungen, die immer konkreter und interessanter wurden, drängten sich bereits in den Vordergrund. Das Kurze fühlte sich geborgen und lauschte rhythmischen Geräuschen und Empfindungen, die von einem anderen Kurzen stammten, dass ihm sehr nahe war, so nahe, dass beide beinahe Eins waren, bis der Moment kam, an dem beide fühlten, dass es Zeit war, für das Leben. Das Nahe zog das Kurze in eine Wachphase, die voll extremer und berauschender Empfindungen war. Es fühlte großen Druck und laute Geräusche und beide waren sehr aufgeregt, bis sich die Gefühle ins Unermessliche, kaum Aushaltbare gesteigert hatten und alles einem tiefen, donnernden und gurgelndem Brüllen glich, das alle Welten erschütterte – und schließlich nachließ. Es war nun mehr allein als zuvor und alles war anders. Das andere Kurze war noch da, aber es fühlte sich nicht mehr in ihm, doch immer noch nahe. Die Zeit verging, nun messbarer, und es lernte, Formen zu sehen und zu erkennen, Geräusche als Stimmen zu verstehen und schließlich als Worte. Es haftete ihm noch das Weite an, doch wurde es vom Leben mit all seinen Empfindungen immer weiter in den Hintergrund gedrängt. Unser Kurzes wurde mit jedem Tag wacher, bis es schließlich das Weite ganz vergessen musste und nun völlig eingebunden war, im Netz des eigenen menschlichen Bewusstseins mit interessanten, erstaunlich plastischen Körpern und konkreten Bedeutungen. Es berührte und schmeckte, es lachte und weinte und fühlte die Liebe, die es noch an das Weite erinnerte. Die Gefühle waren es immer noch, die es ausmachten, der alte Gram, aber auch den Trost, den es vom Weiten erhielt. Auch Willen war da, der Willen, den Gram nicht wachsen zu lassen, und sich um das eigene Selbst zu kümmern. Später würde es nicht mehr wissen, woher dieser Wille und das damit verbundene Wissen kam, doch würde es sich in diesem Leben daran halten, da es nun noch besser wusste, dass es sein wahrer Name war.

© Marcus Lewerenz

Von Mücken und fehlenden Stichen

Kennt Ihr das? Es gibt viele Mücken und Eure Freunde und Familienmitglieder werden gestochen, nur Ihr nicht? Also nicht gar nicht, sondern eben überdurchschnittlich wenig, oder unterdurchschnittlich viel. Also insofern, dass Ihr am Ende weniger Stiche habt, als die anderen. Wesentlich weniger, und auch nur kleine. Kleine unerfahrene Stiche von kleinen unerfahrenen Mücken! So scheint es. Nicht, dass hier wissenschaftliche Erkenntnisse einfließen würden – alles rein subjektiv – postfaktisch. Man muss ja mit der Zeit gehen, sonst geht sie ohne einen weiter. Sie kann nicht umkehren und einen wieder abholen, Zeit fließt nur in einer Richtung ab. Am Ende ist die Zeit aus der Badewanne des Lebens abgelaufen und man liegt im Trockenen sozusagen. Der Vergleich hinkt. Egal. Mücken. Fenster auf im Sommer? Natürlich – ganz ohne Gaze und: Licht an! Manchmal summt eine herein, aber morgens: kaum ein nennenswerter Stich. Die warten wohl, dass meine Kinder am nächsten Tag zu mir kommen. Die scheinen nämlich echt gut zu schmecken.

Welch arroganter Haltung bedienen sich diese kleinen Viecher eigentlich, mich zu übergehen? Schmecke ich nicht? Dufte ich nicht? Jahrelang nun schaue ich mir das an und frage mich langsam, ob nun eine heimliche Krankheit mich überfallen hat, die man riechen kann. Äh, Mücke riechen kann. Aber ach, es scheint ganz anders. Auf einmal stechen sie wieder. Ja, die Kleinen, aber auch die Großen. Besonders die Durchschnittlichen, die den Bogen raus haben und so richtig gute Stellen aussuchen. Die Fußunterseite zum Beispiel. Schon mal versucht an der kitzeligsten Stelle überhaupt zu kratzen? Na?

Endlich! Ich bin also doch einer von Euch. Ich leide mit Euch und lächle, während ich fluche. Ich existiere, ich werde gesehen – und gestochen. Doch woher kommt dieser plötzliche Sinneswandel? Lag es vielleicht daran, dass ich wieder geliebt habe? Nein, nicht nur geliebt, überhaupt wieder fühlen wollte? Weil plötzlich ein Mädchen da war, dass mir zeigte, dass ich all die Zeit allein war. Wurde so mein Blut überschwemmt von gut duftenden und schmeckenden Hormonen? War die ganze Zeit des jahrelangen nur Funktionierens und Verschlossen-Seins der Grund, dass auch mein Blut eher zweiter Klasse war? Es muss wohl so sein, denn viele Mücken fielen nun über mich her, viele Stiche hielten sich hartnäckig. Mir war das egal, mein Herz lernte wieder zu hüpfen und zu springen. Die Zeiten änderten sich, so dachte ich, und war voller Freude und Lebensdurst.

Manchmal fangen sich Kometen ein, sie haben vielleicht ähnliche Bahnen und nähern sich immer mehr an, bis ihre Bahnen sich vereinen. Sie ziehen sich gegenseitig an, so dass sie sich umeinander drehen, zunächst auf stark elliptischen Bahnen. Sie stürzen also aufeinander zu, nur um wieder voneinander wegzufallen. Ihr eigener Schwung ist noch zu groß. Doch schon bei der nächsten Umrundung ist er verringert. So geht das immer weiter, die Umkreisung wird immer dichter, bis sie sich irgendwann berühren und beieinander bleiben. Das, was mal ihre gegenseitige Umrundung war ist nun ihre gemeinsame Drehung.

Zwei Liebende sind keine Kometen. Sie stürzen auch aufeinander zu, ja. Doch ihre Drehung umeinander bremst nicht wirklich ab. Die Kreisbahnen werden zwar immer enger, doch dafür wird die Umdrehungsgeschwindigkeit immer höher. Die relativen Kräfte zueinander werden nicht geringer, sie bleiben gleich groß und sind dann bei größerer Annährung eben sehr konzentriert auf kleinem Raum. Vielleicht hat die Leserin schon einmal auf einem kreisenden Karussell einer Freundin gegenüber gesessen und sich, mit ihr an den Armen, versucht zueinander zu ziehen? Dabei wird das Karussell immer schneller, nicht wahr? Ähnlich kommt es mir bei Liebenden vor. Sie rotieren so schnell umeinander und manchmal passiert es, dass jemand dabei das Gleichgewicht verliert und den Anderen anrempelt. Da die Energien so groß sind, muss die Kollision die Beiden weit voneinander wegschleudern.

Manche Kometen haben Angst vor weiteren Kollisionen. Vielleicht weil sie merken, dass mit jenem Partner nur instabile Umlaufbahnen möglich sind, sie aber Stabilität brauchen. Das Karussell nicht mehr zu besteigen, bedeutet nicht, das Fehlen von Liebe. Manche Kometen nehmen den Schwung der Kollision als Anlass, weiterzufliegen. Nicht weil sie die Anziehungskraft des Anderen nicht mehr fühlen, sondern weil sie Angst haben, bei der nächsten, oder übernächsten Kollision zermalmt zu werden. Vielleicht haben sie auch ein paar kleine Meteoriten dabei, die sie noch an ein Ziel bringen wollen. Es schaffen nicht alle Liebenden diesen Energien Frau zu werden. Es ist nicht selbstverständlich, dass Liebende zu Kometen werden.

Werden die Stiche nun wieder weniger werden? Wird das Blut saurer, oder ärmer an interessanten Gefühlen sein? Sind Mücken in Wahrheit eigentlich nur Gefühlsjunkies? Nur die kleinen Unerfahrenen wissen noch nicht, bei wem die wirklich guten Trips zu holen sind. Erst wenn sie einen wirklich Lebenden stechen, bekommen sie ihren ersten richtigen Gefühlstrip, der ihre Facettenaugen weitet und ihnen einen Geschwindigkeitsboost verleiht, und wollen danach nur noch solche Leute anfliegen.

Nun wieder ohne Stiche klarzukommen, fühlt sich wie gähnende Leere an. Doch immerhin ist das Trauer –auch ein Gefühl, und viel besser als sich wieder herunterzukühlen, um nur zu funktionieren. Vielleicht bleibe ich den Mücken – in dieser Phase – ja so erhalten und ihre Stiche mir. Ich hoffe das Beste.

Sirene

Am Boden liegend,
Streitend und liebend,
Sich wälzend und meidend,
Küssend und schneidend.

Duft und Hauch,
Angst im Bauch,
Verfallend, zerstörend,
Feurig betörend.

Oh süßester Tod, komm als Beben,
Will mich geben,
Ihr – zum Leben.

© Marcus Lewerenz

Kirschen

Gedankenverschmutzung und digitale Identität

Es gibt viele absurde Verschwörungstheorien, die behaupten, wir alle werden irgendwie manipuliert und von Denen beeinflusst, Dinge zu tun, auf die wir selbst nicht gekommen wären. Es gibt jedoch auch reale Versuche: Bei der Werbung gilt das Kredo der Manipulation. An dieser Stelle muss hier festgestellt werden, dass Werbung prinzipiell etwas Positives ist. Ohne sie hätten Firmen kaum eine Chance, auf sich Aufmerksam zu machen, geschweige denn, neue Produkte anzupreisen.

Doch wie weit darf dieses Anpreisen gehen? Wie suggestiv darf die Manipulation sein, und die zentrale Frage in diesem Artikel: Wie viel darf es davon geben?

Besonders im Internet blühen die kostenlosen Plattformen, die sich offiziell nur durch Werbung finanzieren. Dementsprechend hoch ist das Aufkommen der Werbung. Überhaupt scheint Werbung gerade das Geschäft im Internet zu sein. Es war nie leichter, dem Nutzer persönlich zugeschnittene Anzeigen darzureichen. Webseiten schreien an den dicken Rändern in Signalfarben, um die Aufmerksamkeit potentieller Kunden zu wecken, manche Kurznachrichten sind nur unscheinbar mit kleiner Schrift als „Gesponsert“ markiert. Gerade gelesene Texte werden mit Bildern oder Nachfragen überlagert. Man ist einen Großteil der Zeit und der eigenen Aufmerksamkeit im Netz allein damit beschäftigt, etwas wegzuklicken, zu ignorieren, oder frustriert die Seite im Smartphone noch einmal zu öffnen, weil das bunte Popup nicht zuging. Besonders das private Fernsehprogramm mutet zum Teil als eine Maschine an, deren einziger Zweck die Konsumindoktrination der Zuschauer ist.

Dies ist allerdings (unter Ausnahmen) vertretbar, wenn das Angebot kostenlos ist. Es ist nicht wirklich umsonst, wir bezahlen sehr wohl dafür. Die Währungen heißen Zeit, Frust, Datenvolumen und Konzentration. Nicht zuletzt unsere persönlichen Daten mit denen gehandelt wird, um die es aber hier nicht vorrangig gehen soll.

Was allerdings nicht vertretbar ist, ist Werbung die einem präsentiert wird, wenn man sich Werbung anschauen möchte. Ein gutes Beispiel sind hier die Anzeigen vor Film- oder Spielvorschaufilmchen (Trailer). Wir zahlen dabei also im Grunde die Werbung für den Herausgeber, um dann im Kino teilweise horrende Preise für den tatsächlichen Film zu zahlen, nachdem wir die Karten auf einer, völlig mit Werbung überfrachteten, Kinowebseite reserviert hatten.

Der Werbeempfänger wird dadurch zum überreizten Goldesel für die, mittlerweile zahlreichen, Werbeagenturen, die sich so ein großes Stück vom Kuchen des Endverbrauchers und des Produzenten einfordern. Es scheint, zum Teil, kaum noch auf das Produkt anzukommen, solange die Werbung stimmt, und die Qualität der Ware wenigstens ausreicht (gehypte Produkte).

Der, in der freien Marktwirtschaft, nur unzureichend gepflegte Wildwuchs nimmt mittlerweile viel Raum ein. Sicher liegt das auch daran, dass unser Netz ein internationaler Raum ist, und noch immer keine internationale Behörde dafür existiert. Wenn die Firmen zu viel Werbung betreiben, so dass sich der Kunde prozentual immer weniger davon merken kann, baut sich eine Blase auf, an der nur die Werbeagenturen verdienen und besonders kleinere Firmen und die Endverbraucher die (überforderten) Verlierer sind.

Eine Möglichkeit dagegen anzugehen wäre, das Maß der Werbung per Gesetz zu begrenzen. Doch wie definiert man dieses Maß? Was ist da Entscheidend? Die Größe der Anzeige auf der Webseite, die Farbwahl und der Kontrast zum eigentlichen Inhalt? Diese Vorgehensweise würde so sehr an den individuellen Empfindungen der Menschen vorbeigehen, wie sie an der Freiheit der Marktwirtschaft kratzt, welche zu Recht kritisiert, aber nur wegen der Werbung wohl nicht einfach veränderbar ist.

Da es jedoch Gesetze zum Erhalt der Umwelt gibt, meine ich, sollte es auch welche zum Schutz gegen Gedankenverschmutzung geben, denn nichts Anderes ist dieses Ausmaß der Werbung.

Jede Werbung enthaltende Internetplattform, sollte ihre Dienste auch werbefrei gegen eine monatliche Gebühr anbieten müssen. Diese Gebühr muss den Werbeeinnahmen pro Kopf und Zeitraum entsprechen – also eigentlich recht niedrig sein. Der Nutzer hat so die Wahl, zwischen der kostenlosen, Reizüberflutung, und der, nur mit Geld bezahlten, bodenständigen Variante. Diese Bezahlvariante muss leicht, kurzfristig und übersichtlich kündbar sein. Außerdem dürfen Nutzer nicht für Werbung von Konsumproduzenten aufkommen müssen, sei es durch Geld oder mentale Kosten (z.B. Werbung vor Filmtrailer).

Dieser Ansatz hat noch ein paar Haken, die jedoch behandelbar sind.

Zum Einen stellt sich die Frage, ob man für jede Internetseite, die man werbefrei genießen möchte, ein eigenes Benutzerkonto braucht, um sich zu identifizieren und die Bezahlung abzuwickeln. Der persönliche Aufwand wäre zu hoch und würde den Nutzer dazu verleiten all die Passwörter in einen potentiell unsicheren Passwort-Save oder Browser-Passwortspeicher abzulegen. Oder Noch schlimmer, immer dasselbe Passwort zu benutzen („1234“).

Der OpenID-Ansatz ist hier fast passend. Ein Benutzerkonto für Alles. Zumindest dem Anschein nach. Dieses darf nicht von wirtschaftlichen Unternehmen verwaltet werden, wie es bereits bei mindestens einem großen Versandhändler oder sozialem Netz der Fall ist. Daten sind schützenswert, und sollten daher  eher von einer unabhängigen Behörde verwahrt werden. Jedes dieser Nutzerkonten sollte in Unterkonten aufgegliedert werden können, welche Außenstehende nicht miteinander in Beziehung bringen können. Dieser Nutzerauthentifizierungsdienst müsste gleich eine Bezahlfunktion nach außen hin kapseln. Der Nutzer meldet sich mit seinem Stammpasswort an, doch an die Webseite wird die, dafür vorher ausgewählte Unter-ID geliefert. Eine Pflicht für Internetplattformen, diese behördliche Nutzerverifikation zusätzlich neben herkömmliche Nutzerregistrierung anzubieten, wäre ein wichtiger Schritt bei der Umsetzung. Natürlich besteht dabei die Gefahr, dass genau diese Nutzerdaten dann vom Staat extrahiert, und missbraucht werden. Wer sich heutzutage ein Auto oder ein Kanu leiht wird jedoch ebenfalls seinen Personalausweis vorzeigen müssen. Auch ein Zeitungsabonnent gibt seine Daten an den Verleger heraus. Von dort ist es bereits heute nicht mehr weit, bis zur geheimdienstlichen Einsicht in die Kundendaten. An irgendeiner Stelle kommen wir immer an den Punkt der Staatseinsicht. Wenn der Staat die eigenen Daten hält, ist dies das wohl geringere Übel, als wenn dies Unternehmen tun, und diese Daten ausschlachten. Trotzdem  müsste man eine solche beschriebene Netzbehörde strengen Kontrollen aussetzen, um sie soweit wie möglich unabhängig zu machen. Die Unabhängigkeit sollte der einer nicht-staatlichen Organisation (NGO) entsprechen, aber durch den Staat finanziert werden.

Als weiteren Haken könnte man die Begünstigung des Zwei-Klassen-Internets anführen. Dieser Vorwurf löst sich jedoch in Luft auf, sobald man sich klar macht, dass diese besagten kostenlosen Plattformen in den Konkurs gehen würden, wenn sie die Werbung nicht hätten. Jedes wirtschaftliche Unternehmen muss Einnahmen generieren, um zu überleben. Darüber hinaus sollte die Gebühr für Werbefreiheit relativ niedrig ausfallen, wenn sie auf der Höhe der Werbeeinnahmen pro Kopf liegen soll. Interessant dabei ist auch, dass der Bürger endlich einen Vergleichswert bekäme, wieviel ein Unternehmen pro Kunde durch Werbung verdient.

Das größte Hindernis ist die grenzübergreifende Natur des Internets. Oder vielmehr die Tatsache, dass bisher keine international bemächtigte Behörde in dieser Sache existiert. Wenn in Deutschland ein solches Konzept umgesetzt wäre, müssten sich werbegestützte Plattformen nur Standorte außerhalb unserer Lande (wo sie meist bereits sitzen) zurückziehen, deutsche Nutzer können sie weiterhin nutzen.

Eine Lösung dieses Problems bestünde darin, diese Vorgaben international durchzudrücken, jedes, am Internet teilnehmende Land verpflichten, sie zu erfüllen. Dies ist wohl besonders schwierig zu erreichen und erfordert einen Konsens der Regierungen.

Auch möglich wäre das Blockieren von Internetplattformen im Land, welche die Auflagen nicht erfüllen. Dies wird wohl mit dem Freiheitsgedanken nicht vereinbar sein, auch wenn die Freiheit durch die Werbefreiheitsoption selbst nicht beschränkt, sondern wohl ihre Qualität erhöht wird. Eine Bezahlfunktion gekoppelt an eine behördliche Nutzerauthentifizierung sollte für jede Internetplattform umsetzbar sein, sofern sie gut dokumentiert und ausgereift ist, bzw. gepflegt wird.

Ein erster großer Meilenstein ist das Aufsetzen der erweiterten OpenID-artigen Nutzerauthentifizierung. Erst wenn diese Infrastruktur geschaffen ist, ob nun durch eine staatliche oder internationale Organisation, gibt es die Möglichkeit auch gegen die Masse der Werbung sinnvoll anzugehen. Dies würde geschehen, ohne die Unternehmen einzuschränken, da deren Verdienst gleich bliebe, und  Vorteile für die Nutzer – ihren Kunden – hinzukämen. Im Grunde wäre dies auch für die Unternehmen selbst eine positive Entwicklung, da sie so befähigt werden, dem Kunden einen qualitativ besseren Eindruck ihres Dienstes zu vermitteln, wenn nicht auf jedem freien Bildschirmpixel eine Werbung abgespielt wird.

Das Wichtigste an der eben genannten Organisation ist, dass sie in erster Linie für die Menschen gemacht sein sollte. Es geht um Dateneigentum und Erhaltung der Anonymität im Netz gegenüber Internetdiensten und auch dem Staat selbst. Wie bereits beschrieben, bietet sich dem Staat schon heute die Möglichkeit Kundendaten von Firmen einzufordern. Nur unter den, dafür notwendigen Voraussetzungen sollten, von der genannten Internetbehörde, Nutzerdaten abgefragt werden dürfen. Außerdem ist es wichtig, dass sämtliche Daten auch für die Organisation unlesbar verschlüsselt und nur mit dem Nutzerpasswort einsehbar sind (Kontodaten, Verbindungen zu Unter-Identitäten, etc.)

Da meine Daten bereits zu Hauf im Umlauf sind, ohne, dass ich es kontrollieren kann, würde ich mich über eine unterstützende Infrastruktur freuen. Auch wenn sie durch die steuerliche Finanzierung letztlich ein Teil des Staatsapparates wäre, glaube ich, dass die Daten durch Kontrollinstanzen besser geschützt wären, als sie es heute sind. Zudem käme auf den Nutzer eine Vereinfachung für Bezahlvorgänge, eine größere Übersicht über eigene Nutzerkonten und teilweise anonymisierten Unteridentitäten  zu.

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Die unterschätzte Generation

Die Generation, der ich angehöre, wird gern geringgeschätzt. Es handelt sich hier um die zwischen 1980 und 2000 (es gibt widersprüchliche Angaben) geborenen Bürger – der Generation Y. Immer wieder hört man, ihre Angehörigen wären faul und verwöhnt. Aber was will man machen? Als Chef muss man nun mal mit ihnen leben. Früher war alles besser. Früher haben die Leute noch richtig gearbeitet und weniger genörgelt.

Die geneigte Leserin möge mir verzeihen, wenn ich hier pauschalisiere. Da die Debatte um die Generation Y jedoch voll davon ist, erlaube ich mir, hier von mir auf Andere zu schließen.

Vielleicht ist es das Schicksal jeder Generation, von ihren Vorgängern mit schüttelndem Kopf betrachtet zu werden. Artikel wie „Warum die Generation Y so unglücklich ist“ (Welt.de, 31.10.2014) zeigen wie wenig zuerst versucht wurde, diese Menschen zu verstehen. Es wurden sich zum Teil zynische Erklärungen zurechtgeschustert und Tipps gegeben, was man als Y tun könnte, um doch etwas zu erreichen. Eine ganze Generation wurde zu Traumtänzern erklärt. Andere Artikel versuchen Chefs Hilfestellungen zu geben, wenn sie es mit den Ypsilons zu tun bekommen. Mittlerweile zeigt eine kurze Suche im Internet, dass immer mehr Artikel geschrieben werden, die akzeptieren, wie meine Generation sich gibt und dies auch als Chance begreifen. Die Work-Life-Blend sei wichtig, „Glück schlägt Geld“ (Kerstin Bund 2014, Murmann Verlag), und so weiter.

Trotzdem scheint mir, dass dieses Phänomen noch nicht in seiner Gänze umrissen ist. Die Generation Y wird fast ausschließlich nur im Zusammenhang mit der Arbeitswelt genannt. Jede Generation hat ihre eigenen Herausforderungen. Auswirkungen hat dies nicht nur auf das Arbeitsleben.

Einige von uns sind die ersten Digital Natives, Andere verbrachten den Großteil ihrer Kindheit ohne Internet, und lernten es erst in ihrer Jugend kennen. Wir schlagen somit die Brücke in die digitale Welt. Mehr als jede andere Generation verarbeiten wir für uns und auch untereinander die Vereinbarkeit des Analogen mit dem Digitalen. Wir denken über Datenschutz nach und gleichzeitig verweigern wir uns dem Netz nicht. Dies eröffnet ungeahnte Räume für Diskussionen und Wissensbeschaffung. Der massenhafte Austausch an Informationen bewirkt zwangsweise eine verstärkte Individualisierung des Ichs. Jeder kann sich, in die ihn interessierenden Richtungen informieren und weiterentwickeln. Außerdem mussten wir lernen, mit Fehlinformationen umzugehen. Viele prüfen kritisch, ob Informationen Hand und Fuß haben. Fehlinformationen werden im Idealfall als Solche enttarnt und öffentlich gemacht. Wir leben in einer Welt der falschen Doktoren, der Finanzkrisen, Spionageaffären und einer Lobbyismus-treuen Mainstreampolitik. Außerdem sahen wir unsere Eltern sich abrackern und erfahren auch selbst die Optimierungen der Arbeitsplätze zu Lasten der Menschlichkeit. Dadurch, dass wir das Netz mitgestalten, kann z.B. nicht mehr totgeschwiegen werden, dass Geld Grenzen überschreiten darf, und Menschen dies oft verwehrt bleibt. Wir tragen Kleidung von Unternehmen, die damit Leute anderswo ausbeuten. Wir kaufen Geräte, die pünktlich nach zwei Jahren den Geist aufgeben (geplante Obsoleszenz), obwohl die Ressourcenbeschaffung dafür bereits Kriege in Afrika zur Folge hatte („Krieg in Kongo – Auf der dunklen Seite der digitalen Welt“ FAZ.net, 23.08.2010). Wir sehen das Wachstum der Wirtschaft nur um seiner selbst willen, und zahlen Mieten die sich Berufseinsteiger kaum leisten können.

Im Großen und Ganzen: wir sind enttäuscht. Und wir wollen es besser machen. Wie es gehen könnte, erfahren wir aus dem großen Informationshaufen – dem Internet. Und wir tauschen uns darüber aus. Wir erfahren vom Grundeinkommen und erfolgreichen Probeläufen, welche vor einigen Jahrzehnten nur ausgewählte Experten gekannt hätten. Es gibt immer mehr nachhaltige Betriebe. Und ja, auch eine veränderte Einstellung zur Arbeit ist die Folge. Wir wollen uns verwirklichen, wie so viele Andere es auch tun, von denen wir im Netz lesen. Auch ohne Internet, hätte es eine Generation gegeben, die sich ähnliche Fragen stellt. Doch das Netz existiert und scheint als Beschleuniger zu wirken.

Über kurz oder lang wird sich damit die gesamte Gesellschaft verändern, denn irgendwann sitzen die Mitglieder der Generation Y (englisch „why“) auch in den Parlamenten. Es wird die Frage nach dem „Warum“ gestellt. Nicht nur, „warum sollte ich mich abrackern, wenn ein sechs-Stunden-Arbeitstag viel angenehmer ist, und ich so Zeit habe, Freunde zu sehen?“ Es geht auch um das „Warum sollten wir die Welt nicht in Frage stellen, und versuchen zu ändern, was nicht funktioniert, und nur wenigen nützt?“

Väter betreuen neben der Arbeit vermehrt ihre Kinder, und haben dafür kaum Vorbilder, sondern erkämpfen vor sich selbst und Anderen (Freunden, Chefs, Kollegen, etc.) neue Konzepte. Noch schwieriger ist die Sache der Gleichberechtigung für Frauen. Die Frau muss für sich herausfinden, ob sie eine Kampf-Feministin sein möchte, oder einfach eine Frau, die in ihren Rechten nicht eingeschränkt werden will. Vielleicht will sie auch Hausfrau sein. Das alles darf im Schlafzimmer dann auch noch völlig anders sein.

Das Informationszeitalter wird erst ist 50 oder mehr Jahren in seiner Wucht und seinen Folgen ganz erkannt werden. Der Austausch von Informationen quer über die ganze Welt ohne Zeitverzögerung, hat eine ganze Reihe von diversen Themen auf den Plan gebracht, die nun verarbeitet werden wollen. Und so vielfältig die Themen so vielfältig sind auch die Menschen, die über das Netz ähnlich Denkende finden.

Es ist nicht zu leugnen, dass die vorangegangenen Generationen viel für uns geleistet haben. Die Perspektive der Kriegsgeneration war jedoch eine völlig Andere. Nichts ist falsch daran, Bestehendes in Frage zu stellen und es langsam, im gesunden Diskurs mit der Konservative zu verändern. Besonders wenn es sich um Verbesserungen der Lebensweise handelt. Vielleicht wollen Viele nicht mehr um jeden Preis unermesslich reich werden. Eventuell können, in der Familie präsente, Väter in der Arbeit keine 110 % geben. Vielleicht wollen Einige keine Werbelügen mehr glauben. Vielleicht ist es das einfache Glück, dass viele fasziniert. Was soll schlecht daran sein, sich für eine faire Welt einzusetzen? Warum arbeiten bis zum Umfallen, damit wir Überschuss produzieren, wenn die Lage es eigentlich erlauben würde, das Tempo zu drosseln und das Menschsein zu pflegen. Irgendwann mussten der Schock der Industrialisierung, später der freien Marktwirtschaft und die damit verbundene Reduzierung des Menschen allein auf seine Funktion, wieder abflauen. Zumindest hoffe ich, dass es eines Tages dazu kommt.

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Abseits des Weges

Silvester ist das neue Weihnachten

Weihnachten, die Engel singen die frohe Botschaft, und die Menschen erstürmen die Supermärkte. Die Familie kommt zu Besuch, oder man selbst macht sich auf den Weg, manchmal vielleicht zu mehreren Familien an einem Tag. Erst bei den Eltern, dann bei Schwiegereltern. Trotzdem man die Lieben wiedersieht, ist die Freude heutzutage nicht mehr ganz so ausgeprägt. Der Stress ist so groß, der Tag muss perfekt sein. Das richtige Essen, mit den passenden Getränken. Ganz wichtig: Geschenke. Schon vier Wochen davor verfallen wir in Panik und rennen, was das Zeug hält, durch die Geschäfte oder das Internet und kaufen, kaufen, kaufen. Natürlich ist die Idee, sich um andere Gedanken zu machen, sehr schön. Doch die Kauferei hat ein Level erreicht, an dem es nur noch anstrengend ist. Die Wirtschaft stößt sich gesund oder klagt, falls die Menschen mal ein Jahr nicht so viel kaufen, kaufen, kaufen, sondern nur kaufen.

Weihnachten ist zu erwartungsbeladen. Zwar ist es schön, wenn man dann abends zusammensitzt und in Ruhe erzählen kann, doch die Vorbereitungen sind oft die Hölle. Überfüllte Kaufhäuser, hohe eigene und fremde Erwartungen, und ein Staunen, dass die kleinen Eisenautos jetzt fünf statt zwei oder drei Euro kosten. Auf den Weihnachtsmärkten kann man kaum treten und es wird billiger Glühwein für viel Geld verkauft. Der letzte Glühwein aus einem Kübel mit echten Zimtstangen und Mandarinen ist Jahre her.

„Genießen“ bedeutet doch etwas Anderes.

Es ist auch nicht Jeder Party-Mensch. Das Wort Party ist typisch für unsere Zeit. Ab und zu sitzt man mit Leuten zusammen und es wird gesagt: „Wir machen Party!“ Schon liegt die Erwartung in der Luft, irgendwie abdrehen zu müssen und ganz tolle Stimmung aufkommen zu lassen. Am besten durch den Konsum von viel Alkohol. Das wirkt sehr aufgesetzt. „Ihr seid jetzt alle hier, also betrinkt euch, und dreht irgendwie durch, so dass ihr sagen könnt, es war eine echt wilde Nacht. Sonst seid ihr eine lahme Bande.“ Eine Party eben.

Man muss etwas nicht Party nennen, um dabei Spaß zu haben. Aber nicht mit größtenteils Fremden, sondern lieber mit Freunden. Silvester werden meist ebenfalls Partys gefeiert. Das habe ich mir abgewöhnt. Klar, hin und wieder bin ich mal ein Jahr bei Freunden. Doch ich kann das auch einfach zuhause mit meiner ansässigen Familie & Kindern. Morgens wachen die Kinder auf, und freuen sich, lange aufzubleiben. Wir haben an diesem Tag also viel Zeit. Wir essen spät Frühstück und spielen vorher etwas im Zimmer. Es ist eine besondere Stimmung, und wir verbringen den Tag bewusster. Wir spielen vielleicht zusammen etwas am Computer, gehen raus, oder nehmen uns Zeit für ein Brettspiel mehr. Zu essen gibt es meist etwas Einfaches. Kartoffelsuppe, Puffer oder Spagetti. Weil nicht klar ist, wie lange die Kinder durchhalten, wird um sechs Uhr abends schon einmal eine kleine Feuerwerksbatterie gezündet. Wir haben an diesem Tag die Zeit für eine Nachtwanderung, können lange erzählen und haben Mitternacht noch ein tolles Feuerwerk vor unserem Balkon. Zwischendurch gibt’s eine kleine Brause und Kräuterbaguette. Kein Fokus auf Geschenke, die gemeinsame Zeit ist wichtig. Man kann es sogar besinnlich nennen. Besinnung auf die Liebsten, ohne Stress.

Auch wenn ich meine Kinder nicht habe, trifft das Wort „besinnlich“ den Kern. Am frühen Abend besuche ich sie, und wir zünden das obligatorische Feuerwerk. Bin ich nicht bei Freunden, mache ich danach etwas für mich, egal was. Zur Mitternacht hin, gehe ich meistens raus auf Wanderschaft, und kann meine Gedanken ordnen.

Diese beiden ruhigen Varianten sind für mich zu einem Ritual geworden, das ich nicht mehr missen möchte. Mit einem Minimum an Vorbereitungsstress verbringe ich einen ruhigen, besinnlichen Tag und genieße die Zeit mit meiner Familie, nehme mir Zeit für etwas Besonderes mit ihr, oder richte meine Aufmerksamkeit allein auf mich.

Man kann also sagen, zumindest für die Ruhigeren unter uns, Silvester ist das neue Weihnachten. Auch wenn Weihnachten trotzdem die Zeit bleibt, in der man auch entferntere Verwandte mal wiedersehen kann, liegt für mich nun viel von seiner Besinnlichkeit im Jahreswechsel.

Skyline

Das Schlaraffenland ist tot, lang lebe das Schlaraffenland.

Wer kennt sie nicht, die Geschichte vom Schlaraffenland? Wo Flüsse voller Milch und Honig fließen und gebratene Hühner direkt in die Münder, der nie hungernden Menschen fliegen. Eine Geschichte, die zweifellos die existentiellen Ängste der Menschen anspricht. Zurzeit ist diese Geschichte jedoch fast in Vergessenheit geraten. Warum? Vielleicht leben wir bereits in einer Art Schlaraffenland. Zumindest in den westlichen Industrienationen ist das Thema Essen eigentlich kaum noch relevant. Jedenfalls nicht das Satt-Werden an sich. Natürlich gibt es immer noch Menschen, die in großer Armut leben. Die Meisten jedoch, können sich alles zu Essen kaufen, was sie brauchen. Und noch mehr. Mikrowellen und Fast Food liefern uns tatsächlich das fertige Essen, nur in den Mund fliegen kann es noch nicht. Ob es nun gesund ist, sei hier mal vernachlässigt. Sicher ist dieser Traum eine Flucht vor den Nöten in einer nahrungsknappen Zeit.

Während Kriegen und Hungersnöten gewinnt die Bedeutung des Traumes vom Schlaraffenland sicher wieder stark an Einfluss. Doch wir, die wir quasi darin leben, wissen, dass es mehr braucht. Ein sorgloses Leben allein stellt uns nicht zufrieden. Es braucht auch eine gewisse Spannung. Nicht dass wir ein sorgenfreies Leben haben. Nein, wir sind weit davon entfernt. Wir zahlen Rechnungen, kriegen Mieterhöhungen und das Benzin wir teurer. Die Probleme sind heute einfach anders. Hoher Stress im Alltag durch den Leistungsfokus der Gesellschaft bereits in Kindergärten und Schulen, Optimierung der Arbeitskräfte für die globale Konkurrenzfähigkeit der Unternehmen und niedrige Renten. Wie die Hungernden in das Schlaraffenland flüchten, flüchten wir woanders hin. Wir flüchten an einen Ort, an dem die nächste Abrechnung ihre Bedeutung verliert, an dem das Einzige, was mit einer Deadline beschrieben wird, wirklich der Tod ist. Dort gibt es keinen Verkehrslärm, keine Versicherungsbeiträge, und weniger Menschen. Wesentlich weniger Menschen. Es gibt kein Wasser aus der Leitung und keinen Strom. All das, was uns in den Städten von der Natur abschneidet gibt es dort nicht mehr. Wir sind genötigt, wieder mit elementaren Gefühlen wie Kälte und körperliche Erschöpfung umzugehen. Wir schaffen wieder Dinge mit unseren Händen, anstatt virtuell Bits und Bytes hin- und herzuschieben. Wir brauchen dafür keine besondere Ausbildung, oder Empfehlungsschreiben. Geld spielt dort sowieso keine Rolle. Es ist das Schlaraffenland 2.0, welches sich seit Jahrzehnten zu einem Kult entwickelt hat. Regelmäßig lassen sich Menschen in diese Welt fallen. Die Rede ist hier von der Zombieapokalypse. Es gibt eine deutliche unbewusste Sehnsucht danach. Die Illusion, einer der wenigen Überlebenden zu sein, ist natürlich unrealistisch. Der Überlebensprozess als solcher ist jedoch gerade das Interessante daran. Es gibt so viele Geschichten, Filme oder Computerspiele, und immer ist das Interessanteste der erste Teil. Jener Teil, in dem unsere überlebende Person durch einen guten Instinkt (oder einfach nur Glück) die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Natürlich ist so ein Zombie an sich kein Heilsbringer. Er ist eben die Würze, die dem Schlaraffenland fehlt. Zombies sind darüber hinaus sehr einfach. Meist nur in Horden gefährlich, lernt unser Protagonist schnell, wie so ein Zombie auszuschalten ist. Er ist auch unwiderruflich böse. Man muss sich keine Gedanken machen, wenn man ihn tötet. Noch interessanter ist das elementare Gefühl, dass diese Bedrohung verursacht. Wir müssen leise sein, auf dem Boden kriechen, feuchte Erde riechen. Alles um möglichst unbeschadet zu überleben und unentdeckt zu bleiben. Es geht zurück zum rein körperlichen Überleben unserer Träumer, die in Wirklichkeit nur Zahlen und Anträge vor sich haben. Es wäre ein Lebensstil, der uns von Gesundheitsexperten empfohlen wird, aber aus Zeitmangel unrealistisch ist. Viel Bewegung, weniger Essen und Natur genießen.

Wir müssen nur andere Häuser nach Nahrung durchsuchen und wissen jedes kleine Ding zu schätzen, dass wir finden. Wir aus unserer Ding-vollen Konsumgesellschaft freuen uns nach dem Ende der Welt wie kleine Kinder über Benzinkanister, Fackeln, Getreidesamen oder einfach nur ein gut erhaltenes Taschenmesser. Gute Kleidung wird nun durch praktische Werte klassifiziert, nicht durch Namen und Preise. Man braucht nur etwas Glück und kann überall Alles finden. Diese Dinge schlaraffen sozusagen vor sich hin. Ist der erste Hunger gestillt, der Rucksack mit allem Nötigen gefüllt, ist der Träger stolz und es durchfließt ihn tiefe Zufriedenheit, angesichts des nackten Überlebens und der strafferen Muskulatur. Zeitgleich wird die nächste Phase der Geschichte eingeleitet. Der Fokus verschiebt sich in Richtung Langzeitversorgung. Unser Träumer ist vielleicht Teil einer Gruppe und es wird ihm bewusst, dass irgendwann alle Häuser geplündert und alle Konservendosen geleert sind. Es geht nun darum, sich Gedanken über Nahrungsanbau und Jagd zu machen. Immer noch sehr elementar. Keine Zahlen oder Anträge. Es werden Stunden und Tage nur im Wald  oder auf Feldern verbracht. Die frische Luft wird geatmet, man spürt den Wandel der Jahreszeiten und den morgendlichen Nebel. Es wird Alles mit den eigenen Händen geschaffen, dessen Resultate man unmittelbar selbst zu spüren bekommt, und nicht irgendein Werbetexter am anderen Ende der Welt. Keine Termine, nur das Überleben ist wichtig.

In dieser Phase stellen die Zombies nur noch gelegentlich eine Bedrohung dar. Eigentlich kann man mit ihnen inzwischen schon sehr routiniert umgehen. Der eigene Unterschlupf nimmt immer mehr Form an, die Fenster sind vernagelt, und Feuerholz gibt es genug. Auch darauf kann man sehr stolz sein. Es fallen keine Raten an.

An dieser Stelle sollte die Fantasie aufhören, aber die Geschichten gehen meist weiter. Die Menschen raufen sich zusammen und bauen kleine Siedlungen wieder auf. Es mangelt an immer weniger Dingen. Früher oder später geht der kleinen Gruppe die Erkenntnis auf, dass Zombies nicht die größte Bedrohung in dieser Welt sind: es sind andere Menschen, die sich skrupellos im rechtsfreien Raum bewegen. Dadurch wird zwar noch einmal die Spannung ordentlich erhöht, eine Geschichte braucht so etwas wohl eben. Aber in dieser Phase ähnelt der Traum wieder mehr unserer wirklichen Welt. Es bekriegen und streiten sich Menschen auf das Heftigste. Es gibt Intrigen und Verrat. Das hat nichts mehr mit einem Traum zu tun. Es ist lediglich das Resultat dessen, was herauskommt, wenn man die Geschichten zu Ende denkt. Anführer werden zu Politikern und argumentieren. Die Sache verkompliziert sich und ist eigentlich kaum noch eine Flucht aus unserer Welt wert. Natürlich ist unsere Gruppe siegreich und führt den Aufbau der neuen Welt immer weiter voran. Eine Welt die leider immer mehr unserer Wirklichen gleicht.

Natürlich werden das nicht alle Menschen so sehen. Ein gewisser Teil, der vielleicht mit unserer abgestumpften Konsumgesellschaft nicht so gut klarkommt, könnte diese Fantasie jedoch als Gedankenflucht nutzen. Auch wenn die Vorstellung der Zombieapokalypse nicht erstrebenswert und natürlich schrecklich ist, entbehrt sie, trotz des ganzen Horrors und der Gewalt, nicht einem gewissen Reiz. Eine Manifestation des unbewussten Wunsches, wieder echter, elementarer fühlen zu können. Da unsere Gesellschafft jedoch relativ unveränderlich ist, muss man sich in Gedanken nun einmal einen heftigen Grund einfallen lassen, warum sich die Welt ändern muss.

Vielleicht ist das Schlaraffenland immer gerade jener Traum, in den die Menschen ihrer Zeit gedanklich flüchten. So wie es die Filme der 50er und 60er Jahre waren, für die schwere Zeit des Aufbaus nach dem Krieg und die vielen Trümmerfamilien. „Schnulzen“ wie mein Vater sagen würde. In denen zum Schluss für alle Beteiligten immer alles ins Lot kommt. Auch wenn es nur durch Heintjes Stimme passiert.

feuer