Das Kurze und das Weite

Es war ein guter Tag, würden sie finden, es ihm sagen, und er sich bemühen, ihnen, mit einem zur-Kenntnis-nehmenden Blick, zu antworten. Er zog an seiner dünnen Zigarette und genoss den Moment. Seine Hand war knittrig und alt, wie auch er alt war. Genau wusste er es nicht, aber er schätzte in den Siebzigern. Er war schnell gealtert, hatte von Bier und Frauen gelebt, glaubte er – zumindest solange beides miteinander vereinbar war. Aber war es denn ein guter Tag? Sicher, aus den Augen der jungen Leute musste es ein guter Tag für einen Alten sein, wenn er wach war, wie sie. Für sich selbst allerdings wusste er es nicht sicher. Er verbrachte viel Zeit in Dämmerzuständen, einer Abwesenheit, wie es die Anderen empfinden mussten. Als es anfing, hatte er viel darüber nachgedacht, es aber auch geschehen lassen, weil er müde war. Ausgelöst hatte es wohl eine Kleinigkeit. Vielleicht wirkte sie wie der letzte Schubs, der notwendig war, um diesen langsamen Abschied ins Rollen zu bringen, zu erkennen, dass die Willenskraft aufgebraucht war. Vielleicht hatten seine Kinder ihn nicht besucht oder er verstand wieder einmal diese rasende Welt nicht mehr. Er zog ein weiteres Mal an seiner Zigarette – seine Einzige am Tag, mehr schaffte er nicht. Gleich müsste es Kaffee geben, glaubte er. Eine Schwester würde über den Flur fegen und die Leute zusammenrufen. Er käme von allein an den Tisch. Die Schwester würde es bemerken, und ihm schließlich sagen, es wäre ein guter Tag. Vielleicht würde sie es auch nur zu einem der anderen Pfleger sagen. Den Kaffee wollte er ebenfalls sehr genießen.

An seinen Dämmerzuständen fand er selbst nichts Schlechtes. Es war wie ein Loslassen. Die angesammelten Gefühle aus seinem Leben bestimmten dann seine Existenz. Leider waren sie nicht durchweg gut. Hatte er sich doch immer eher als Opfer gesehen, und letztlich mit innerem Gram auf die Ereignisse reagiert. Selbst bewegt hatte er sich nicht, um das zu ändern. Das wusste er jetzt. Und auch darüber empfand er Gram. Warum war es ihm erst so spät klar geworden, hatte es ihm niemand früher gesagt? Vielleicht hatte man das ja, und er hatte es nicht verstanden. Er hätte gerne so viel probiert, blieb jedoch immer seinen Vorstellungen von Pflicht treu. Da diese Gefühle jedoch auch im Wachen bei ihm waren, ja ihn, mit allen anderen Gefühlen, ausmachten, empfand er sie in den traumgleichen Phasen nicht störender als im Wachen. Sie gehörten zu ihm und er lebte in ihnen, spielte sie immer wieder ab und ließ sie mit den anderen, besseren Gefühlen und Erfahrungen seines Lebens in Berührung kommen. Er vermutete auch, dass er früher einmal ein Professor oder Ähnliches gewesen war, da er doch zu solcher Selbstreflexion im Stande war. Bei diesem Versuch des Selbstlobes musste er schmunzeln. Schmunzeln, auch etwas, dass er früher wenig getan hatte. Etwas vergeudet kam er sich vor. Hatte er doch immer alles richtig machen wollen und blieb sich so selbst fern. Er bekam Panik. So nahe war er der Selbsteinsicht nicht oft gekommen, und auch jetzt blies er sie lieber nach einem weiteren Zug davon. Trotzdem, er blieb dabei: Ein wacher Tag war in seinem Alter nicht zwingend ein guter Tag.

Eine Schwester kam herein, ihr folgte ein junger Pfleger. Zuerst wusste er nicht, was sie wollten, doch als die Schwester aus einem Schrank eine dieser blauen Windeln holte, fiel ihm ein, dass er auf einem Toilettenstuhl saß, während er geraucht und aus dem Fenster geblickt hatte. Der junge Pfleger bat ihn, aufzustehen, und das tat er. Den Willen, diesem Jungen das Leben schwer zu machen, hatte er nicht mehr. Er ließ sich von ihm umdrehen, und hielt sich nun leicht gebückt stehend an den Armlehnen des Stuhls fest, während der Junge ihn säuberte. Er strengte sich an, um leicht unangenehm berührt zu wirken, und so den Pflegern zu zeigen, dass er noch wusste, in welchen Kategorien sie dachten, und dass es dazu gehörte, sich unangenehm zu fühlen, wenn man sich selbst nicht mehr erleichtern und säubern konnte. Letztendlich war es ihm jedoch nicht mehr so wichtig, und er wusste auch nicht, warum er etwas anderes vorspielte. Vielleicht war es der Drang, irgendwie noch dazuzugehören, irgendwie noch menschlich zu sein, ein letzter Rest von Lebenswillen. Nachdem er angezogen, und der Toilettenstuhl mit einem Deckel versehen war, setzte er sich wieder. Draußen schien die Sonne und die Bäume waren grün. Es musste Sommer sein. Oder ein später Frühling. Wo er war, wusste er nicht. Manchmal wusste er nicht einmal, wo sein Bett stand. Vielleicht hatte er es gewusst, als er herkam, das schien ihm jedoch schon lange her. Er bewältigte den Tag, indem er seiner Intuition folgte, wenn er etwas suchte – er verließ sich darauf, dass sein Unterbewusstsein sich in den letzten Jahren eingewöhnt hatte. Der rauschende Baum versetzte ihn wieder in einen verträumten Zustand, obwohl Dämmerung doch besser passte, fand er. Er ließ es zu, und verließ sich darauf, dass er zum Kaffee wieder zurückkehren würde.

Als die Schwester ihn schließlich irgendwann an den Tisch setzte, sah er, wie auch andere gebracht wurden. Ging es ihnen ähnlich? Oder waren sie noch lebendiger als er? Er konnte es nicht erkennen. Sie waren ihm fern. Er erkannte oft nur ihre Gemütslage und ihre Anwesenheit. Vielleicht geht man die letzte Reise nun einmal allein. Es war wohl auch besser so. Die Kaffeetasse stand dampfend vor ihm. Er sog den Geruch ein, als er seine Nase erreichte. So wie Zigaretten widerlich schmeckten, schmeckte auch Kaffee, oder andere Süchtigmacher. Man musste sich daran gewöhnen, um es zu genießen. Ging es doch nicht um den Geschmack, sondern um die Möglichkeit, den Moment auszukosten. Erst später lernte man auch den Geschmack lieben. Um rastlose Wesen zum Halten zu bewegen, war oft etwas Bemerkenswertes, und zuweilen Bitteres in einem edlen Mantel notwendig. Es waren Stützen, um zu sich selbst zu finden, dem Rastlosen eine Rast zu schaffen. Zigaretten und Kaffee halfen ihm im Alltag über schwierige, aber auch schöne Momente hinweg. Als würde alles letztlich ausgeglichen werden. Das Bedürfnis nach einem Kaffee, wenn man das Glück in einem Moment einfach nicht mehr aushielt und es auf ein erträgliches Maß heruntertrinken oder -rauchen musste, so dass Körper und Geist wieder im Einklang waren.

Wann war es eigentlich, als er wach und rauchend auf dem Toilettensitz saß? War es heute gewesen, oder schon ein paar Tage her? Er fühlte sich nicht mehr so klar. Vielleicht würde der Kaffee helfen, wenn er es schaffte, ihn zu trinken. Die kleine Tasse mit dem Goldrand hatte einen Sprung, der ihm so deutlich ins Auge sprang, dass es fast wehtat. Sie war so erschreckend real. Weit realer, als er es selbst war. Ihr Rand war so absolut, all ihre Kanten, der Henkel, ihr Material, ihre Ausdehnung so körperlich, dass er befürchtete, es würde ihn schmerzen, wenn er sie berührte, um sie anzuheben. Ihm war, als könne er kaum noch die Willenskraft aufbringen, die Wirklichkeit dieser Tasse anzuerkennen. In seinem Universum existierte sie nicht mehr als eine körperliche Präsenz, für ihn war sie als Vorstellung realer. Seine Wirklichkeit wurde schleichend zu etwas anderem, und so nahm er die Welt immer weniger wahr und entblich ihr allmählich. Er konnte sich nicht mehr auf etwas so konkretes konzentrieren, wobei selbst das Wort ‚konkret‘ bereits so schneidend auf eine Bedeutung festgelegt war, dass er es im Geiste nicht formulierte, sondern nur etwas in dieser Art empfand. So ging es ihm in allem, was er noch erfuhr. Er fühlte mehr, als dass er dachte. Es entfielen ihm immer mehr Erinnerungen, sie spielten auch kaum eine Rolle, war doch das Gefühl nun ausschlaggebend.

Der Fernseher lief, und einige seiner Mitbewohner saßen davor, auch er selbst schaute hin, doch sah er nicht mehr richtig zu. Eine Frau am Nachbartisch erinnerte ihn an sich selbst. Vielleicht weil sie ihm verloren vorkam. Etwas bereuend, oder vermissend. An die Kindheit denkend und vielleicht sich fragend, warum sie es nicht geschafft hatte, das Kind, dass sie einst war, bis hierher in sich zu tragen. Doch auf eine bestimmte Weise war es auch gut. Die Umarmung der Dämmerung war warm und bot Schutz. Wir alle hatten dieses Leben, wir scheiterten, wir bereuten, verletzten und waren doch nur diese kleinen Wesen, die mal auf die Welt gekommen waren. Wir litten, wir liebten, wir weinten und lachten. Einige schafften es vielleicht, der Verantwortung gegenüber sich selbst gerecht zu werden, doch viele schafften es nicht, töteten sich über viele Jahre selbst. Er gehörte dazu, das wusste er. Doch auf irgendeine Weise war das nichts Schlechtes. So etwas passierte und letztlich waren alle gleich, wie aus demselben Ei. Er war zu weit gegangen, um jetzt noch verbittert zu sein, es spielte kaum noch eine Rolle, und so akzeptierte er sich. Der junge Pfleger wollte ihn zum Trinken animieren und deutete auf seine Tabletten neben dem Teller. Er ignorierte ihn, doch der Junge bestand darauf und hielt ihm die Tabletten hin. Wozu sollte er sie nehmen, was hatte er davon? Es schien, als würde es dem Pfleger mehr bringen als ihm selbst, wenn er sie nahm. Vielleicht nahm man sie genau deshalb, damit sich die Anderen gut fühlten. Er drehte seinen Kopf weg, und dämmerte in seine Welt. Mochten sie ihm die Tabletten einflößen oder nicht. Sein Inneres bewegte sich in Wellen, alte Gefühle aus seinem Leben mischten sich untereinander, ließen sich Revue passieren bis sie alles waren, was er war, ihre Zusammensetzung ihn ganz ausmachte. Denn sie war einzigartig unter Allem. Seine Gedanken verloren immer mehr an Schärfe, waren sie doch so lange scharf gewesen. Die Stille forderte nun ihren Ausgleich und er verlor den Bezug zur Sprache. Lange schwebte er als diese Wolke aus Gefühlen, bis er sich wieder sammelte und wacher und konzentrierter wurde. Es gab jedoch kein Bett mehr, oder auch kein Gefühl mehr, in seinem Bett zu erwachen. Und doch war es ganz ähnlich. Er musste sich nicht auf Gegenstände einlassen oder auf Stimmen. Alles das war verblichen und gewichtslos. Er kannte dieses Gefühl, er hatte es schon viele Male erlebt. Auch das ‚er‘ haftete ihm nur noch als schwächer werdende Erinnerung an. Er musste in den Äther hinübergedämmert sein. Seine wache Phase allerdings hielt nicht lange an, immer wieder verblieb er im Traum. Doch nach und nach wusste er, dass er das Weite suchen würde und, dass es dann soweit war, wenn auch er es war. Er, oder jetzt eher es selbst, war ein Kurzes. Es fühlte die ferne Anwesenheit des Weiten und die Notwendigkeit, weiter zu dämmern, bis es frei war von so viel Konkretem, bis es sein Leben endgültig losgelassen hatte, und bereit war. Die Zeit, die bis dahin vergehen würde, konnte unmöglich gemessen werden, gab es doch keine Bezugspunkte. Es gab nur das Sein, und schließlich den losgelösten Zustand. Zeit hatte hier keine andere Bedeutung als diese.

Als es schließlich soweit war, verstand das Kurze, dass es ein Teil des Weiten war, und es nur darauf ankam, zu sich selbst zu finden. Jenes Selbst, das allen gemeinsam war. Der weite Teil empfand dem Kurzen gegenüber ein Bedauern über den Gram in sich, aber auch Mitleid und Ermunterung. Das Kurze antwortete dem weiten Teil mit Müdigkeit. Viel differenzierter konnte es sich noch nicht fokussieren, doch dies war auch das wesentliche Gefühl, das es jetzt ausmachte.

Das Weite blickte mit Liebe auf dieses Kurze und erkannte es statt an seinem Namen an seinem Gefühlsgemisch. Ein weiteres Leben würde diesem Kurzen auch eine Veränderung dieses Namens einbringen. Doch es schien wirklich sehr müde, wenn es sich richtig in das Kurze hineinversetzte. Die Müdigkeit, die Sehnsucht nach der Dämmerung, in der Gedanken schweiften, ohne Mühe. Gut, sollte es dämmern, so wie das Weite selbst einst und auch jetzt immer wieder.

Vor Äonen bestand das Weite noch nicht, so wie heute. Es dämmerte ganze Ewigkeiten, bis schließlich die ersten Momente der Selbstempfindung begannen, doch versank es immer wieder im Meer des Träumens. Immer, wenn es sich daraus emporschwang, um sich selbst bewusst zu sein, war es auch bereits wieder im Begriff, zu sinken, bis auch dieser Rhythmus dem Selbst bewusst wurde. Und so fing es an, die Phasen des Bewussten mit seiner Willenskraft zu verlängern. Die Dämmerphasen wechselten immer gleichmäßiger mit der Bewusstheit, bis eine vollständige Harmonie herrschte, und das Selbst kaum noch Mühe hatte, diesen Rhythmus zu erhalten.

Mit dem Wechsel der Zustände formierte sich für unsere Wesenheit das Konzept der Zeit. Eine sehr lange Zeit erhielt es nur diesen Rhythmus aufrecht, bis es schließlich begann, einzelne Phasen zu verkürzen und zu verlängern. Doch es lernte, dass nach längeren Wachphasen auch immer längere Dämmerphasen folgten, so dass die Harmonie stets ihren Ausgleich forderte. Aus sich selbst heraus hatte das Weite, dass sich damals nur als Selbst empfand, mit diesem harmonischen Rhythmus also etwas Eigenständiges erschaffen, das sich erhielt und auf das unsere Wesenheit nur begrenzten Einfluss hatte. So ließ es also die Harmonie gewähren, auch wenn das Selbst hin und wieder Phasen dehnte. Allein die Selbstständigkeit der Harmonie bereicherte das ansonsten nur mit sich selbst bekannte Wesen. Beflügelt von seiner Schöpfung, die immer noch Teil des Selbst war, erkannte es auch neue Gefühle in sich. Jenes, welches die Dämmerphasen verlängern wollte, da die bewusste Zeit zu viel Willen forderte, und dieses, das drängte, die Wachheit zu verlängern, da es so interessant war, bewusst zu fühlen und zu erfahren. Beide Strömungen waren im Grunde von gleicher Stärke, die sich nur zeitweise unterschied.

Unser Wesen war sich also nicht nur selbst bewusst geworden, hatte den Rhythmus des Wachens und des Dämmerns mit der Kraft seines Willens geschaffen und so die Zeit entdeckt – es war auch selbst komplexer geworden. Als es sich der beiden neuen Gefühlsströmungen bewusst wurde und auch der Tatsache, dass sie sich gegenseitig ausglichen, durchfuhr dieses Selbst eine Art Zufriedenheit – weil es wieder eine neue Erfahrung war. Auch über die Zufriedenheit sann es nach, und über ihr Fehlen, und das daraus resultierende Gefühl der Leere, der Abwesenheit von Erfahrung. Die Zufriedenheit selbst gab wieder Willenskraft zu neuer Erfahrung und Erhaltung des bewussten Zustands, während ihr Fehlen zur Dämmerung führte. Auf diese Weise begriff das Selbst das Konzept der Energie und ihres Fehlens. Ersteres war ein Gefühl, das die eigene Seele erhellte und weitete, während Letzteres zur Ruhe führte, in die Abwesenheit des Hellen. Es war unserem Wesen auch bewusst, dass es das Helle nicht ohne den Kontrast zu seiner Abwesenheit gäbe, und dieses Dunkel auch notwendig war. So war also das Licht erfühlt worden, eng verbunden mit der Energie, der Zufriedenheit und der Bewusstheit. Auf der anderen Seite das Dunkel, verbunden mit der Ruhe, dem Fehlen von Energie und aktiven Erfahrungen.

All diese Konzepte betrachtend, wurde ihm klar, dass es zu allem auch das jeweils Fehlende gab. Es fragte sich, ob es auch Konzepte gäbe, die mehrerer Zustände bedürfen. Die Zahlen erschlossen sich auf diese Weise, sowie, nach weiterer Reflexion, die Anfänge der Mathematik. Dabei stellte es fest, dass die Zahl Zwei die Basis von allem war, da doch alles durch sich selbst und seiner Abwesenheit wahrgenommen werden konnte und dies zwei grundlegende Zustände beschreibt.

Durch das Erforschen der Mathematik lernte das Selbst die Konzentration und dessen Gegenüber – die Intuition – die beide für die Mathematik wichtig waren. Konnte doch die Konzentration ermöglichen, in allem den mathematischen Kern zu erkennen. Die Intuition diente dem Erforschen neuer Richtungen und der Schaffung neuer geschlossener Systeme aus Gesetzen, um so die Mathematik immer wieder zu erweitern. Nach langer Zeit erschuf es immer detailliertere Systeme, in denen verschiedene Gesetze herrschten, es fügte der Mathematik viele Dimensionen zu, die die Zeit ergänzten. Unter den erdachten Systemen war schließlich auch eines, in denen es den Raum erschuf mit seiner Tiefe, der Breite und der Höhe. In diesem System erschuf es Teile, die sich nur über die Zeit erstreckten und Energie banden, wieder andere Teile erstreckten sich auch im Raum. Das Selbst kombinierte diese Teile und ließ sie untereinander wirken, so dass sie in diesem Raum kleine Systeme bildeten, die sich selbst erhielten und wieder mit anderen Systemen zusammenwirkten. All dies war eine, von unserem Wesen erdachte und nur durch Willen aufrecht erhaltene Vorstellung, ein Gedankenexperiment. Als es sah, dass die erschaffenen Teile im Raum miteinander wirkten, sich an die erdachten Gesetz hielten, und es diese Vorstellung mit all ihren Details, auf Grund ihrer inneren Harmonie aufrecht erhalten konnte, vervielfachte es die Anzahl der erdachten kleinsten Teile massenhaft. Das Selbst war gespannt, wie die Teile sich weiterentwickeln würden. In der Tat bildeten sie immer neue Zusammenschlüsse immer größerer Ordnung, bis schließlich jene Teile entstanden, die später Atome genannt wurden, und auch sie wieder miteinander in Wechselwirkung traten. Äonen später hatte sich all die Materie, die sich aus den Atomen gebildet hatte, im Raum ausgedehnt, erste Sterne bildeten sich und Planeten entstanden aus dem Sonnenstaub. Die sich immer wiederholende Harmonie ließ das Universum sich fast von selbst entwickeln und unser Wesen beobachtete seine eigene Vorstellung fasziniert. Sonnen spendeten Energie, Planeten reckten sich in ihrem Licht und drehten sich um ihre Sterne wie Elektronen um den Atomkern. All diese Bezeichnungen waren noch nicht erdacht. Das Wesen jedoch empfand zu all diesen Arten von Materie individuelle Gedanken und Gefühle, die ihren Namen entsprachen.

Ewigkeiten vergingen, doch entstanden aus all den verschiedenen Teilen komplexere, die sich in ihren Umgebungen versuchten, zu erhalten. Auch diese Wesen wurden immer komplexer, und das Weite hatte Mühe, sich auf all diese zu konzentrieren, sich ihr Wirken vorzustellen, ihre Aktionen auszudenken, die dem Selbsterhalt dienten. Und schließlich ließ das Weite seine Gedanken an jener Stelle schweifen. Die Wesen jedoch existierten weiter und wurden so immer selbstständiger. Erstaunt erkannte das Weite in diesen Wesen die Verwandtschaft zu sich selbst, existierten sie doch in einer von Harmonie bestimmten Welt seiner Vorstellung. Sie waren nur nicht so weit wie es selbst, sie waren auf eine Art kürzer, die trotzdem all das eigene Potential in sich barg. Verwundert beobachtete das Weite diese kurzen Seelen. Ein Teil von ihnen würde später seinen Planeten Erde, seinen Mond Luna und die Sonne Sol nennen. Wieder andere erfanden andere Namen. Das Weite war fasziniert von den Sprachen, die einige Wesen entwickelten, um die Barriere der erdachten Grenzen Ihrer selbst zu überwinden. Von allen Sprachen, war ihm die Musik am nächsten. Gleichzeitig sah es die unbewusste tiefe Sehnsucht der Wesen, sich in Gänze miteinander zu vereinen. Vielleicht spürten sie tief im Inneren, dass sie alle ein Teil ein und desselben waren.

Die Menschen und Tiere und Pflanzen starben, wie es die Menschen nannten. Meist dann, wenn das Kurze darin müde wurde und sich erschöpft hatte von der Anstrengung, das eigene Leben zu erhalten und sich in dieser vorgestellten Welt zu bewegen. Andere Male verstarb der Körper, der den Gesetzen des erdachten Universums gehören musste. Ein Kurzes dämmerte meist nach dem Tode seines Körpers, bis es das Konkrete am Leben vollkommen losgelassen hatte und erst dann erfühlen konnte, was da schon immer im Hintergrund existierte, und von dem es ein Teil war.

Viele Kurze lebten Leben um Leben, ohne weiter zu werden, und doch passierte es irgendwann, ganz unvorhergesehen, oder auch sich stetig weitend. Ein paar Mal war es sogar geschehen, dass vorerst Kurze eine Weite erreicht hatten, die dem Weiten entsprach. Jene nahmen meist nicht wieder den Platz in der Vorstellung des Weiten ein, sie hatten sich von ihm unabhängig gemacht und hatten sich so auf die Existenzebene des Weiten gebracht. Sie berührten sich, die Gefühle überlagerten sich, doch ging jedes seine eigenen Wege und bereicherte so auch die Existenz des Weiten. Das Weite fragte sich, ob so neue Universen entstanden. Es wusste nicht, was genau diese neuen Weiten ausmachte, doch war es nicht mehr allein.

So ruhte also das Kurze, den Ausschweifungen des Weiten folgend, allmählich die Müdigkeit ablegend, sich Kraft ergreifend, bis es irgendwann genug geruht hatte, und nun das Bewusste anfing, seinen Ausgleich zu fordern, um dem kosmischen Rhythmus Tribut zu zollen. Zusammen mit dem Weiten stellte es sich dumpfe Geräusche vor, die es umgab, erinnerte sich an Berührungen aus vergangenen Leben und fühlte sogar diffuses, schwaches Licht. Immer intensiver fühlte es diese Eindrücke, bis es Geräusche wiedererkannte und sich daran festhielt. Die wachen Phasen wurden allmählich ausgeprägter, doch waren immer noch schwach. Das Weite begleitete es, wurde jedoch bereits leiser für unser Kurzes. Die Empfindungen, die immer konkreter und interessanter wurden, drängten sich bereits in den Vordergrund. Das Kurze fühlte sich geborgen und lauschte rhythmischen Geräuschen und Empfindungen, die von einem anderen Kurzen stammten, dass ihm sehr nahe war, so nahe, dass beide beinahe Eins waren, bis der Moment kam, an dem beide fühlten, dass es Zeit war, für das Leben. Das Nahe zog das Kurze in eine Wachphase, die voll extremer und berauschender Empfindungen war. Es fühlte großen Druck und laute Geräusche und beide waren sehr aufgeregt, bis sich die Gefühle ins Unermessliche, kaum Aushaltbare gesteigert hatten und alles einem tiefen, donnernden und gurgelndem Brüllen glich, das alle Welten erschütterte – und schließlich nachließ. Es war nun mehr allein als zuvor und alles war anders. Das andere Kurze war noch da, aber es fühlte sich nicht mehr in ihm, doch immer noch nahe. Die Zeit verging, nun messbarer, und es lernte, Formen zu sehen und zu erkennen, Geräusche als Stimmen zu verstehen und schließlich als Worte. Es haftete ihm noch das Weite an, doch wurde es vom Leben mit all seinen Empfindungen immer weiter in den Hintergrund gedrängt. Unser Kurzes wurde mit jedem Tag wacher, bis es schließlich das Weite ganz vergessen musste und nun völlig eingebunden war, im Netz des eigenen menschlichen Bewusstseins mit interessanten, erstaunlich plastischen Körpern und konkreten Bedeutungen. Es berührte und schmeckte, es lachte und weinte und fühlte die Liebe, die es noch an das Weite erinnerte. Die Gefühle waren es immer noch, die es ausmachten, der alte Gram, aber auch den Trost, den es vom Weiten erhielt. Auch Willen war da, der Willen, den Gram nicht wachsen zu lassen, und sich um das eigene Selbst zu kümmern. Später würde es nicht mehr wissen, woher dieser Wille und das damit verbundene Wissen kam, doch würde es sich in diesem Leben daran halten, da es nun noch besser wusste, dass es sein wahrer Name war.

© Marcus Lewerenz

Die unterschätzte Generation

Die Generation, der ich angehöre, wird gern geringgeschätzt. Es handelt sich hier um die zwischen 1980 und 2000 (es gibt widersprüchliche Angaben) geborenen Bürger – der Generation Y. Immer wieder hört man, ihre Angehörigen wären faul und verwöhnt. Aber was will man machen? Als Chef muss man nun mal mit ihnen leben. Früher war alles besser. Früher haben die Leute noch richtig gearbeitet und weniger genörgelt.

Die geneigte Leserin möge mir verzeihen, wenn ich hier pauschalisiere. Da die Debatte um die Generation Y jedoch voll davon ist, erlaube ich mir, hier von mir auf Andere zu schließen.

Vielleicht ist es das Schicksal jeder Generation, von ihren Vorgängern mit schüttelndem Kopf betrachtet zu werden. Artikel wie „Warum die Generation Y so unglücklich ist“ (Welt.de, 31.10.2014) zeigen wie wenig zuerst versucht wurde, diese Menschen zu verstehen. Es wurden sich zum Teil zynische Erklärungen zurechtgeschustert und Tipps gegeben, was man als Y tun könnte, um doch etwas zu erreichen. Eine ganze Generation wurde zu Traumtänzern erklärt. Andere Artikel versuchen Chefs Hilfestellungen zu geben, wenn sie es mit den Ypsilons zu tun bekommen. Mittlerweile zeigt eine kurze Suche im Internet, dass immer mehr Artikel geschrieben werden, die akzeptieren, wie meine Generation sich gibt und dies auch als Chance begreifen. Die Work-Life-Blend sei wichtig, „Glück schlägt Geld“ (Kerstin Bund 2014, Murmann Verlag), und so weiter.

Trotzdem scheint mir, dass dieses Phänomen noch nicht in seiner Gänze umrissen ist. Die Generation Y wird fast ausschließlich nur im Zusammenhang mit der Arbeitswelt genannt. Jede Generation hat ihre eigenen Herausforderungen. Auswirkungen hat dies nicht nur auf das Arbeitsleben.

Einige von uns sind die ersten Digital Natives, Andere verbrachten den Großteil ihrer Kindheit ohne Internet, und lernten es erst in ihrer Jugend kennen. Wir schlagen somit die Brücke in die digitale Welt. Mehr als jede andere Generation verarbeiten wir für uns und auch untereinander die Vereinbarkeit des Analogen mit dem Digitalen. Wir denken über Datenschutz nach und gleichzeitig verweigern wir uns dem Netz nicht. Dies eröffnet ungeahnte Räume für Diskussionen und Wissensbeschaffung. Der massenhafte Austausch an Informationen bewirkt zwangsweise eine verstärkte Individualisierung des Ichs. Jeder kann sich, in die ihn interessierenden Richtungen informieren und weiterentwickeln. Außerdem mussten wir lernen, mit Fehlinformationen umzugehen. Viele prüfen kritisch, ob Informationen Hand und Fuß haben. Fehlinformationen werden im Idealfall als Solche enttarnt und öffentlich gemacht. Wir leben in einer Welt der falschen Doktoren, der Finanzkrisen, Spionageaffären und einer Lobbyismus-treuen Mainstreampolitik. Außerdem sahen wir unsere Eltern sich abrackern und erfahren auch selbst die Optimierungen der Arbeitsplätze zu Lasten der Menschlichkeit. Dadurch, dass wir das Netz mitgestalten, kann z.B. nicht mehr totgeschwiegen werden, dass Geld Grenzen überschreiten darf, und Menschen dies oft verwehrt bleibt. Wir tragen Kleidung von Unternehmen, die damit Leute anderswo ausbeuten. Wir kaufen Geräte, die pünktlich nach zwei Jahren den Geist aufgeben (geplante Obsoleszenz), obwohl die Ressourcenbeschaffung dafür bereits Kriege in Afrika zur Folge hatte („Krieg in Kongo – Auf der dunklen Seite der digitalen Welt“ FAZ.net, 23.08.2010). Wir sehen das Wachstum der Wirtschaft nur um seiner selbst willen, und zahlen Mieten die sich Berufseinsteiger kaum leisten können.

Im Großen und Ganzen: wir sind enttäuscht. Und wir wollen es besser machen. Wie es gehen könnte, erfahren wir aus dem großen Informationshaufen – dem Internet. Und wir tauschen uns darüber aus. Wir erfahren vom Grundeinkommen und erfolgreichen Probeläufen, welche vor einigen Jahrzehnten nur ausgewählte Experten gekannt hätten. Es gibt immer mehr nachhaltige Betriebe. Und ja, auch eine veränderte Einstellung zur Arbeit ist die Folge. Wir wollen uns verwirklichen, wie so viele Andere es auch tun, von denen wir im Netz lesen. Auch ohne Internet, hätte es eine Generation gegeben, die sich ähnliche Fragen stellt. Doch das Netz existiert und scheint als Beschleuniger zu wirken.

Über kurz oder lang wird sich damit die gesamte Gesellschaft verändern, denn irgendwann sitzen die Mitglieder der Generation Y (englisch „why“) auch in den Parlamenten. Es wird die Frage nach dem „Warum“ gestellt. Nicht nur, „warum sollte ich mich abrackern, wenn ein sechs-Stunden-Arbeitstag viel angenehmer ist, und ich so Zeit habe, Freunde zu sehen?“ Es geht auch um das „Warum sollten wir die Welt nicht in Frage stellen, und versuchen zu ändern, was nicht funktioniert, und nur wenigen nützt?“

Väter betreuen neben der Arbeit vermehrt ihre Kinder, und haben dafür kaum Vorbilder, sondern erkämpfen vor sich selbst und Anderen (Freunden, Chefs, Kollegen, etc.) neue Konzepte. Noch schwieriger ist die Sache der Gleichberechtigung für Frauen. Die Frau muss für sich herausfinden, ob sie eine Kampf-Feministin sein möchte, oder einfach eine Frau, die in ihren Rechten nicht eingeschränkt werden will. Vielleicht will sie auch Hausfrau sein. Das alles darf im Schlafzimmer dann auch noch völlig anders sein.

Das Informationszeitalter wird erst ist 50 oder mehr Jahren in seiner Wucht und seinen Folgen ganz erkannt werden. Der Austausch von Informationen quer über die ganze Welt ohne Zeitverzögerung, hat eine ganze Reihe von diversen Themen auf den Plan gebracht, die nun verarbeitet werden wollen. Und so vielfältig die Themen so vielfältig sind auch die Menschen, die über das Netz ähnlich Denkende finden.

Es ist nicht zu leugnen, dass die vorangegangenen Generationen viel für uns geleistet haben. Die Perspektive der Kriegsgeneration war jedoch eine völlig Andere. Nichts ist falsch daran, Bestehendes in Frage zu stellen und es langsam, im gesunden Diskurs mit der Konservative zu verändern. Besonders wenn es sich um Verbesserungen der Lebensweise handelt. Vielleicht wollen Viele nicht mehr um jeden Preis unermesslich reich werden. Eventuell können, in der Familie präsente, Väter in der Arbeit keine 110 % geben. Vielleicht wollen Einige keine Werbelügen mehr glauben. Vielleicht ist es das einfache Glück, dass viele fasziniert. Was soll schlecht daran sein, sich für eine faire Welt einzusetzen? Warum arbeiten bis zum Umfallen, damit wir Überschuss produzieren, wenn die Lage es eigentlich erlauben würde, das Tempo zu drosseln und das Menschsein zu pflegen. Irgendwann mussten der Schock der Industrialisierung, später der freien Marktwirtschaft und die damit verbundene Reduzierung des Menschen allein auf seine Funktion, wieder abflauen. Zumindest hoffe ich, dass es eines Tages dazu kommt.

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Abseits des Weges

Das Schlaraffenland ist tot, lang lebe das Schlaraffenland.

Wer kennt sie nicht, die Geschichte vom Schlaraffenland? Wo Flüsse voller Milch und Honig fließen und gebratene Hühner direkt in die Münder, der nie hungernden Menschen fliegen. Eine Geschichte, die zweifellos die existentiellen Ängste der Menschen anspricht. Zurzeit ist diese Geschichte jedoch fast in Vergessenheit geraten. Warum? Vielleicht leben wir bereits in einer Art Schlaraffenland. Zumindest in den westlichen Industrienationen ist das Thema Essen eigentlich kaum noch relevant. Jedenfalls nicht das Satt-Werden an sich. Natürlich gibt es immer noch Menschen, die in großer Armut leben. Die Meisten jedoch, können sich alles zu Essen kaufen, was sie brauchen. Und noch mehr. Mikrowellen und Fast Food liefern uns tatsächlich das fertige Essen, nur in den Mund fliegen kann es noch nicht. Ob es nun gesund ist, sei hier mal vernachlässigt. Sicher ist dieser Traum eine Flucht vor den Nöten in einer nahrungsknappen Zeit.

Während Kriegen und Hungersnöten gewinnt die Bedeutung des Traumes vom Schlaraffenland sicher wieder stark an Einfluss. Doch wir, die wir quasi darin leben, wissen, dass es mehr braucht. Ein sorgloses Leben allein stellt uns nicht zufrieden. Es braucht auch eine gewisse Spannung. Nicht dass wir ein sorgenfreies Leben haben. Nein, wir sind weit davon entfernt. Wir zahlen Rechnungen, kriegen Mieterhöhungen und das Benzin wir teurer. Die Probleme sind heute einfach anders. Hoher Stress im Alltag durch den Leistungsfokus der Gesellschaft bereits in Kindergärten und Schulen, Optimierung der Arbeitskräfte für die globale Konkurrenzfähigkeit der Unternehmen und niedrige Renten. Wie die Hungernden in das Schlaraffenland flüchten, flüchten wir woanders hin. Wir flüchten an einen Ort, an dem die nächste Abrechnung ihre Bedeutung verliert, an dem das Einzige, was mit einer Deadline beschrieben wird, wirklich der Tod ist. Dort gibt es keinen Verkehrslärm, keine Versicherungsbeiträge, und weniger Menschen. Wesentlich weniger Menschen. Es gibt kein Wasser aus der Leitung und keinen Strom. All das, was uns in den Städten von der Natur abschneidet gibt es dort nicht mehr. Wir sind genötigt, wieder mit elementaren Gefühlen wie Kälte und körperliche Erschöpfung umzugehen. Wir schaffen wieder Dinge mit unseren Händen, anstatt virtuell Bits und Bytes hin- und herzuschieben. Wir brauchen dafür keine besondere Ausbildung, oder Empfehlungsschreiben. Geld spielt dort sowieso keine Rolle. Es ist das Schlaraffenland 2.0, welches sich seit Jahrzehnten zu einem Kult entwickelt hat. Regelmäßig lassen sich Menschen in diese Welt fallen. Die Rede ist hier von der Zombieapokalypse. Es gibt eine deutliche unbewusste Sehnsucht danach. Die Illusion, einer der wenigen Überlebenden zu sein, ist natürlich unrealistisch. Der Überlebensprozess als solcher ist jedoch gerade das Interessante daran. Es gibt so viele Geschichten, Filme oder Computerspiele, und immer ist das Interessanteste der erste Teil. Jener Teil, in dem unsere überlebende Person durch einen guten Instinkt (oder einfach nur Glück) die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Natürlich ist so ein Zombie an sich kein Heilsbringer. Er ist eben die Würze, die dem Schlaraffenland fehlt. Zombies sind darüber hinaus sehr einfach. Meist nur in Horden gefährlich, lernt unser Protagonist schnell, wie so ein Zombie auszuschalten ist. Er ist auch unwiderruflich böse. Man muss sich keine Gedanken machen, wenn man ihn tötet. Noch interessanter ist das elementare Gefühl, dass diese Bedrohung verursacht. Wir müssen leise sein, auf dem Boden kriechen, feuchte Erde riechen. Alles um möglichst unbeschadet zu überleben und unentdeckt zu bleiben. Es geht zurück zum rein körperlichen Überleben unserer Träumer, die in Wirklichkeit nur Zahlen und Anträge vor sich haben. Es wäre ein Lebensstil, der uns von Gesundheitsexperten empfohlen wird, aber aus Zeitmangel unrealistisch ist. Viel Bewegung, weniger Essen und Natur genießen.

Wir müssen nur andere Häuser nach Nahrung durchsuchen und wissen jedes kleine Ding zu schätzen, dass wir finden. Wir aus unserer Ding-vollen Konsumgesellschaft freuen uns nach dem Ende der Welt wie kleine Kinder über Benzinkanister, Fackeln, Getreidesamen oder einfach nur ein gut erhaltenes Taschenmesser. Gute Kleidung wird nun durch praktische Werte klassifiziert, nicht durch Namen und Preise. Man braucht nur etwas Glück und kann überall Alles finden. Diese Dinge schlaraffen sozusagen vor sich hin. Ist der erste Hunger gestillt, der Rucksack mit allem Nötigen gefüllt, ist der Träger stolz und es durchfließt ihn tiefe Zufriedenheit, angesichts des nackten Überlebens und der strafferen Muskulatur. Zeitgleich wird die nächste Phase der Geschichte eingeleitet. Der Fokus verschiebt sich in Richtung Langzeitversorgung. Unser Träumer ist vielleicht Teil einer Gruppe und es wird ihm bewusst, dass irgendwann alle Häuser geplündert und alle Konservendosen geleert sind. Es geht nun darum, sich Gedanken über Nahrungsanbau und Jagd zu machen. Immer noch sehr elementar. Keine Zahlen oder Anträge. Es werden Stunden und Tage nur im Wald  oder auf Feldern verbracht. Die frische Luft wird geatmet, man spürt den Wandel der Jahreszeiten und den morgendlichen Nebel. Es wird Alles mit den eigenen Händen geschaffen, dessen Resultate man unmittelbar selbst zu spüren bekommt, und nicht irgendein Werbetexter am anderen Ende der Welt. Keine Termine, nur das Überleben ist wichtig.

In dieser Phase stellen die Zombies nur noch gelegentlich eine Bedrohung dar. Eigentlich kann man mit ihnen inzwischen schon sehr routiniert umgehen. Der eigene Unterschlupf nimmt immer mehr Form an, die Fenster sind vernagelt, und Feuerholz gibt es genug. Auch darauf kann man sehr stolz sein. Es fallen keine Raten an.

An dieser Stelle sollte die Fantasie aufhören, aber die Geschichten gehen meist weiter. Die Menschen raufen sich zusammen und bauen kleine Siedlungen wieder auf. Es mangelt an immer weniger Dingen. Früher oder später geht der kleinen Gruppe die Erkenntnis auf, dass Zombies nicht die größte Bedrohung in dieser Welt sind: es sind andere Menschen, die sich skrupellos im rechtsfreien Raum bewegen. Dadurch wird zwar noch einmal die Spannung ordentlich erhöht, eine Geschichte braucht so etwas wohl eben. Aber in dieser Phase ähnelt der Traum wieder mehr unserer wirklichen Welt. Es bekriegen und streiten sich Menschen auf das Heftigste. Es gibt Intrigen und Verrat. Das hat nichts mehr mit einem Traum zu tun. Es ist lediglich das Resultat dessen, was herauskommt, wenn man die Geschichten zu Ende denkt. Anführer werden zu Politikern und argumentieren. Die Sache verkompliziert sich und ist eigentlich kaum noch eine Flucht aus unserer Welt wert. Natürlich ist unsere Gruppe siegreich und führt den Aufbau der neuen Welt immer weiter voran. Eine Welt die leider immer mehr unserer Wirklichen gleicht.

Natürlich werden das nicht alle Menschen so sehen. Ein gewisser Teil, der vielleicht mit unserer abgestumpften Konsumgesellschaft nicht so gut klarkommt, könnte diese Fantasie jedoch als Gedankenflucht nutzen. Auch wenn die Vorstellung der Zombieapokalypse nicht erstrebenswert und natürlich schrecklich ist, entbehrt sie, trotz des ganzen Horrors und der Gewalt, nicht einem gewissen Reiz. Eine Manifestation des unbewussten Wunsches, wieder echter, elementarer fühlen zu können. Da unsere Gesellschafft jedoch relativ unveränderlich ist, muss man sich in Gedanken nun einmal einen heftigen Grund einfallen lassen, warum sich die Welt ändern muss.

Vielleicht ist das Schlaraffenland immer gerade jener Traum, in den die Menschen ihrer Zeit gedanklich flüchten. So wie es die Filme der 50er und 60er Jahre waren, für die schwere Zeit des Aufbaus nach dem Krieg und die vielen Trümmerfamilien. „Schnulzen“ wie mein Vater sagen würde. In denen zum Schluss für alle Beteiligten immer alles ins Lot kommt. Auch wenn es nur durch Heintjes Stimme passiert.

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Der Konsum und sein Superlativ

Der Wecker klingelt leise und ich beschließe aufzustehen, taumele in die Küche, fülle den Wasserkocher und stelle ihn an. Nachdem ich mich angezogen habe, gieße ich die Tasse auf. Ich lasse dabei immer wieder Wasser über den Beutel laufen, um zu verhindern dass er schwimmt. Im Radio präsentiert ein großer Baumarkt ein neues Konzert Im Olympiastadion, und der Wetterbericht wird von einem Pflanzenmarkt unterstützt. Gedankenversunken sitze ich am Tisch und schmiere mir mein Mittagsbrot, nachdem ich mir etwas zum Frühstück gegönnt hatte: Ein Brot mit Zuckerrübensirup und Butter. Beim Schürsenkel binden auf dem Flur kommt der Kater der Obermieter vorbei. Ich halte die Hand über seinen Kopf, und er springt, um sich daran zu schmiegen. Ich kraule seine Ohren und verlasse ihn dann. Die Wanderschuhe sitzen und die Jacke fühlt sich angenehm an. Ich habe Lust auf eine Wanderung. Schließlich trete ich aus dem Haus. Ich grüße den Nachbar und schließe mein Fahrrad auf. Beim Abbiegen auf die Hauptstraße verlasse ich meine Welt und werde in den lauten Stadtmorgen gezogen. Mein Inneres spannt sich und wird mitgerissen. Ich überlege, was ich heute auf der Arbeit machen wollte. Als es mir einfällt hat mich der Tag gepackt. Gedankenschweifend verbringe ich den Rest der Fahrt. Busse fahren los, Ampeln schalten und auf der Brücke schaue ich sehnsüchtig, ob sich Nebel auf dem Wasser gebildet hat. Autos mit Aufschriften überholen mich und unzählige Werbeplakate schreien immer bunter nach Aufmerksamkeit. Nachdem ich meine Kollegen begrüßt habe, der Rechner läuft und der nächste Pfefferminztee auf dem Schreibtisch steht, beginne ich meine Arbeit. Das Büro füllt sich langsam und dabei wird es immer lauter. Die Kopfhörer liegen vorbereitet am Notebook und ich übertöne die Störungen mit Musik. Beim Recherchieren oder auch Wartezeiten-Füllen blinken mich Werbeanzeigen an, mit Dingen die ich kaufen könnte und Präsentationen, wie toll sie doch wären. Das beste Netz, Diäten für das Verlieren von 5 Kilogramm in einer Woche. Die größte Musik-Streamingplattform, Trailer für den besten Bond aller Zeiten und DVDs, nein, Entschuldigung, BlueRays für den letzten Transformers-Film. In dem noch größere Riesenroboter mit noch heftigeren Waffen die Erde vor einer noch größeren Bedrohung retten. Nebenbei unterbricht „Spotify free“ die Soundwiedergabe und spielt ebenfalls eine Werbung ab. Ich setze die Kopfhörer ab. Da ich gerade etwas Wartezeit habe, lechzt mein Gehirn nach weiterer, schnell verfügbarer Stimulierung, ohne sich anstrengen zu müssen. Ich schaue bei einem großen Online-Versandhändler nach der Kamera, die ich mir vielleicht kaufen werde. Ich habe bereits eine Kamera, und ich habe viele Fotos. Keines davon hängt an der heimischen Wand. Die neue Kamera kann die Objektive wechseln und Vieles ist manuell einstellbar. Da ich sie mir schon einige Male angeschaut habe, taucht sie in der Werbung immer wieder für mich auf. Den Abend lasse ich heute vor dem Fernseher ausklingen. Ich schaue ein wenig Star Trek und um acht Uhr kommt ein Film. Wieder Werbung. Je größer der Fernseher, desto größer auch die Werbefläche. Der Abend verkommt dadurch zum Einheitsbrei. Um die Werbung zu überspringen, schaue ich derweil auf mein Telefon und entdecke gesponsorte Nachrichten im sozialen Netz. Die Hauptfigur des Films fährt das neueste Modell einer bekannten Automarke und trägt Schuhe, die Ich nicht kenne, die aber extra deutlich erwähnt werden.

Nach fünf Arbeitstagen brauche ich mein Wochenende. Samstagmorgen sattele ich mein Fahrrad, ziehe die Wanderschuhe an, die gut sitzende Jacke und fahre raus aufs Land. In den Wald und zu den Feldern. Das Fahrrad bleibt in einem Dorf und ich laufe in die Wildnis, wo Blätterrauschen den eigenen Atem beruhigt, wiegende Gräser die Augen entspannen, Nieselregen das Gesicht erfrischt und Kälte mich in Bewegung bleiben lässt. Die leere Hosentasche lacht über meine, nach dem Handy suchende Hand. Nach einer Weile beruhigt sich der Sturm in meinem Kopf. Es sind nicht mehr die Slogans, die ihre Kreise drehen, sondern es ist der Genuss der Farbnuancen einer Spätherbstlandschaft. Ein plötzliches unwirkliches Schneegestöber mit dunklen Wolken und Sonnenschein übertrumpft jedes Ding, das ich mir kaufen würde. Es vertreibt die faule Stimulationssucht meines Gehirns und setzt an diese Stelle Ruhe. Ich bin glücklich jetzt, auch weil ich endlich einmal wieder wirklich erschöpft bin.

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Globale Intelligenz durch soziale Netze

Vor fünf Jahren registrierte ich mich bei Twitter auf Grund eines Online-Artikels der FAZ („Bedeutung der „Retweets“ – Auf Twitter entsteht eine kollektive Intelligenz von Holger Schmidt am 18.05.2010).

Dieser Artikel beschreibt Die Netzstruktur der Plattform recht vielversprechend. Allerdings wird kaum auf die Intelligenzentstehung selbst eingegangen, was ich hier ergänzen möchte. Jeder Nutzer ist ein Knoten in einem Netz. Er kann sich mit anderen Knoten verbinden (folgen) und deren Nachrichten empfangen. Ebenso können andere Nutzer sich mit unserem ersten Knoten verbinden. Darüber hinaus kann jeder Teilnehmer, Nachrichten von Anderen weitergeben (retweeten). So entsteht ein Netz, welches ähnlich funktioniert wie das neurale Netz im Gehirn. Ein Neuron in unserem Kopf gibt Reize an die verbundenen Neuronen erst weiter, wenn diese für dieses Neuron stark genug sind. In sozialen Netzwerken wie Twitter entspricht jeder Nutzerknoten also im Grunde einem Neuron, nur dass jedes Neuron hier wesentlich intelligenter ist. Dazu kommt, dass jeder Teilnehmer die Verknüpfungen zu anderen lösen, und auch immer wieder Neue knüpfen kann.

Da ich nur Twitter kenne, beziehe ich mich in diesem Artikel auf diese Plattform. Natürlich sind auch Facebook und Andere mittlerweile in der Lage, Meldungen zu teilen. Der Zwang, auf Twitter alles kurz und prägnant formulieren zu müssen, kommt mir hier jedoch sehr gelegen. Jeder Teilnehmer kann schnell entscheiden, wie wichtig die Meldung für ihn ist.

Anfang des Jahres gab es auf Twitter an die 288 Millionen Nutzer. Unser Gehirn hat ungefähr 100 Milliarden Nervenzellen. Das ist natürlich ein gewaltiger Unterschied. Trotzdem sind 288 Millionen nicht wenig. Hinzu kommt das hier hinter jeder Nervenzelle ein ganzer Mensch steht, und von den 100 Milliarden Neuronen im Gehirn viele für die Steuerung des Körpers zuständig sind.

Die Aussage des FAZ-Artikels, es entstünde eine kollektive Intelligenz auf Twitter, war für mich, als Liebhaber von Utopien, der Auslöser, mich dort zu registrieren. Ich wollte unbedingt dabei sein, wenn so etwas passiert. An dieser Stelle möchte ich darauf aufmerksam machen, dass es bereits geschehen ist, zum Erscheinen des Artikels sogar bereits geschehen war. Nur nicht in dem Ausmaß wie heute.

Es gibt längst Algorithmen, die analysieren, wie die Stimmung auf Twitter ist. Hochrechnungen zu Wahlen, Analysen, über die Beliebtheit von Fernsehserien und Vieles mehr. Was ist ein Shitstorm Anderes als der Ausdruck einer wütenden Intelligenz? Eine signifikante Menge Neuronen feuert empörte Nachrichten und färbt so die Stimmung des Netzwesens, die von RTL zwei Tage später ausgewertet wird.

Sogar unsere Sprache hat sich bereits angepasst. „Netzbürger“ bilden im Netz auf vielen Plattformen die „Netzgemeinde“. Die Bedeutung des letzten Begriffes ist nicht mehr weit von der Bezeichnung des „Allwesens“ entfernt, der Vereinigung aller Menschen als Wesen in der Datensphäre aus Dan Simmons Die Hyperion-Gesänge.

Wichtige Neuigkeiten wie die Tötung Osama bin Ladens (2011), oder Vorfälle wie die Notlandung auf dem Hudson River (2009) werden blitzschnell verbreitet und bewegen die Netzgemeinde zu einem großen Teil.

Natürlich gibt es auch sehr viele Nachrichten, die lediglich Unterhaltungswert aufweisen, oder schlichtweg falsche Informationen verbreiten. Allerdings geschehen solche Dinge auch in unseren Köpfen. Gedanken, die wir verwerfen, Ideen, die uns Angst machen oder zum Lachen bringen und Überlegungen die gar nicht zu uns passen, die wir aber einmal durchspielen wollten.

Es ist, als ob es ein großes offenes Gehirn gibt, Und dank Auswertungsalgorithmen können wir darin Gedanken lesen. Ja sogar Gefühle feststellen, wie all die Mitleidsbekundungen nach Terroranschlägen oder ertrunkenen Vertriebenen im Mittelmeer.

Nun könnte jemand behaupten, dies sei nicht Intelligenz, sondern nur das Echo von vielen Intelligenzen, die sich im Netz mitteilen. Das stimmt nur zum Teil.

Der Duden definiert Intelligenz folgendermaßen „[Die] Fähigkeit [des Menschen], abstrakt und vernünftig zu denken und daraus zweckvolles Handeln abzuleiten“ (Quelle: http://www.duden.de/rechtschreibung/Intelligenz; 17.11.2015).

Da stellt sich die Frage, ob die Netzgemeinde als Wesen denkt, nicht nur Gedanken wiedergibt, sondern aus verschiedenen Ideen und deren Abwägung wieder neue Ideen oder Gedanken entwickelt. Aber passiert nicht gerade dies, wenn sich online zwei Menschen austauschen und vielleicht gegenseitig inspirieren? Andere versuchen Menschen von ihrer Meinung zu überzeugen. So ändert sich unter Umständen das Verhalten der beteiligten Nutzer (Neuronen) im sozialen Netz. Manchmal hat dieser Denkprozess aber auch handfestere Folgen – konkretes Handeln. Manche Unterschreiben, nach der Verbreitung von wichtigen Meldungen eine entsprechende Petition, oder organisieren Proteste (zum Beispiel: der arabische Frühling).

Man sollte dem Phänomen also tatsächlich eine Intelligenz zusprechen. Allerdings handelt es sich dabei nicht um eine künstliche Intelligenz. Es scheint eher eine Symbiose von künstlicher und menschlicher Intelligenz zu sein. Denn neben der Eigenschaft als Neuron in diesem neuronalen Netz übernehmen wir Menschen noch eine andere wichtige Funktion: Die des Sinnesorgans. Jeder Reiz, ob aktuell oder als Erinnerung, der uns zu einer Meldung im sozialen Netzwerk veranlasst, ist für die Netzgemeinde ein Sinneseindruck. Viele scheint es richtiggehend süchtig zu machen, diese Funktion zu erfüllen. Wir halten überall unser Smartphone hoch und knipsen schicke Bilder für Instagram und posten es auch gleich bei Twitter oder Facebook (oder Beiden). Die uns umgebenden Neuronen bewerten diesen Eindruck durch die Favorisierungsfunktion, oder leiten die Meldung sogar gleich weiter. Wichtige Eindrücke entgehen dem Netzwerk durch diese Funktion meistens nicht, und beeinflussen – je nach Brisanz – den gesamten Denkprozess der Netzgemeinde.

Intelligenz ist also durchaus vorhanden. Daran schließt sich jedoch auch direkt die Frage nach dem Bewusstsein an. Ist sich das Netzwesen seiner selbst bewusst? Betrachtet man nur den künstlichen Teil auf den Servern muss die Antwort auf diese Frage sicher „Nein“ lauten. Schauen wir jedoch über das Gesamtbild, den menschlichen Teil vereinigt mit dem Technischen, sieht es nicht mehr ganz so einfach aus. Menschen die twittern, tun dies unter Umständen mit einem Gefühl von „Das muss ich der Welt mitteilen!“ oder, „Oh Gott, dass nimmt mich so mit, ich muss mich den Anderen anschließen!“. Dies geschieht dann im Grunde mit einem Gedanken an die Netzgemeinde, mit dem Bewusstsein, ein wichtiger Teil des Ganzen zu sein.

Da viele Netzbürger Teil mehrerer sozialer Netze sind, und sich nicht unbedingt auf jeder Plattform mit den gleichen „Neuronen“ verknüpfen, bilden die verschiedenen sozialen Netze zusammen die globale Intelligenz. Sicher ist diese Intelligenz anders als die eines einzelnen Menschen, entspricht jedoch der Definition aus dem Duden. Und wir sind ein Teil davon.