Von Mücken und fehlenden Stichen

Kennt Ihr das? Es gibt viele Mücken und Eure Freunde und Familienmitglieder werden gestochen, nur Ihr nicht? Also nicht gar nicht, sondern eben überdurchschnittlich wenig, oder unterdurchschnittlich viel. Also insofern, dass Ihr am Ende weniger Stiche habt, als die anderen. Wesentlich weniger, und auch nur kleine. Kleine unerfahrene Stiche von kleinen unerfahrenen Mücken! So scheint es. Nicht, dass hier wissenschaftliche Erkenntnisse einfließen würden – alles rein subjektiv – postfaktisch. Man muss ja mit der Zeit gehen, sonst geht sie ohne einen weiter. Sie kann nicht umkehren und einen wieder abholen, Zeit fließt nur in einer Richtung ab. Am Ende ist die Zeit aus der Badewanne des Lebens abgelaufen und man liegt im Trockenen sozusagen. Der Vergleich hinkt. Egal. Mücken. Fenster auf im Sommer? Natürlich – ganz ohne Gaze und: Licht an! Manchmal summt eine herein, aber morgens: kaum ein nennenswerter Stich. Die warten wohl, dass meine Kinder am nächsten Tag zu mir kommen. Die scheinen nämlich echt gut zu schmecken.

Welch arroganter Haltung bedienen sich diese kleinen Viecher eigentlich, mich zu übergehen? Schmecke ich nicht? Dufte ich nicht? Jahrelang nun schaue ich mir das an und frage mich langsam, ob nun eine heimliche Krankheit mich überfallen hat, die man riechen kann. Äh, Mücke riechen kann. Aber ach, es scheint ganz anders. Auf einmal stechen sie wieder. Ja, die Kleinen, aber auch die Großen. Besonders die Durchschnittlichen, die den Bogen raus haben und so richtig gute Stellen aussuchen. Die Fußunterseite zum Beispiel. Schon mal versucht an der kitzeligsten Stelle überhaupt zu kratzen? Na?

Endlich! Ich bin also doch einer von Euch. Ich leide mit Euch und lächle, während ich fluche. Ich existiere, ich werde gesehen – und gestochen. Doch woher kommt dieser plötzliche Sinneswandel? Lag es vielleicht daran, dass ich wieder geliebt habe? Nein, nicht nur geliebt, überhaupt wieder fühlen wollte? Weil plötzlich ein Mädchen da war, dass mir zeigte, dass ich all die Zeit allein war. Wurde so mein Blut überschwemmt von gut duftenden und schmeckenden Hormonen? War die ganze Zeit des jahrelangen nur Funktionierens und Verschlossen-Seins der Grund, dass auch mein Blut eher zweiter Klasse war? Es muss wohl so sein, denn viele Mücken fielen nun über mich her, viele Stiche hielten sich hartnäckig. Mir war das egal, mein Herz lernte wieder zu hüpfen und zu springen. Die Zeiten änderten sich, so dachte ich, und war voller Freude und Lebensdurst.

Manchmal fangen sich Kometen ein, sie haben vielleicht ähnliche Bahnen und nähern sich immer mehr an, bis ihre Bahnen sich vereinen. Sie ziehen sich gegenseitig an, so dass sie sich umeinander drehen, zunächst auf stark elliptischen Bahnen. Sie stürzen also aufeinander zu, nur um wieder voneinander wegzufallen. Ihr eigener Schwung ist noch zu groß. Doch schon bei der nächsten Umrundung ist er verringert. So geht das immer weiter, die Umkreisung wird immer dichter, bis sie sich irgendwann berühren und beieinander bleiben. Das, was mal ihre gegenseitige Umrundung war ist nun ihre gemeinsame Drehung.

Zwei Liebende sind keine Kometen. Sie stürzen auch aufeinander zu, ja. Doch ihre Drehung umeinander bremst nicht wirklich ab. Die Kreisbahnen werden zwar immer enger, doch dafür wird die Umdrehungsgeschwindigkeit immer höher. Die relativen Kräfte zueinander werden nicht geringer, sie bleiben gleich groß und sind dann bei größerer Annährung eben sehr konzentriert auf kleinem Raum. Vielleicht hat die Leserin schon einmal auf einem kreisenden Karussell einer Freundin gegenüber gesessen und sich, mit ihr an den Armen, versucht zueinander zu ziehen? Dabei wird das Karussell immer schneller, nicht wahr? Ähnlich kommt es mir bei Liebenden vor. Sie rotieren so schnell umeinander und manchmal passiert es, dass jemand dabei das Gleichgewicht verliert und den Anderen anrempelt. Da die Energien so groß sind, muss die Kollision die Beiden weit voneinander wegschleudern.

Manche Kometen haben Angst vor weiteren Kollisionen. Vielleicht weil sie merken, dass mit jenem Partner nur instabile Umlaufbahnen möglich sind, sie aber Stabilität brauchen. Das Karussell nicht mehr zu besteigen, bedeutet nicht, das Fehlen von Liebe. Manche Kometen nehmen den Schwung der Kollision als Anlass, weiterzufliegen. Nicht weil sie die Anziehungskraft des Anderen nicht mehr fühlen, sondern weil sie Angst haben, bei der nächsten, oder übernächsten Kollision zermalmt zu werden. Vielleicht haben sie auch ein paar kleine Meteoriten dabei, die sie noch an ein Ziel bringen wollen. Es schaffen nicht alle Liebenden diesen Energien Frau zu werden. Es ist nicht selbstverständlich, dass Liebende zu Kometen werden.

Werden die Stiche nun wieder weniger werden? Wird das Blut saurer, oder ärmer an interessanten Gefühlen sein? Sind Mücken in Wahrheit eigentlich nur Gefühlsjunkies? Nur die kleinen Unerfahrenen wissen noch nicht, bei wem die wirklich guten Trips zu holen sind. Erst wenn sie einen wirklich Lebenden stechen, bekommen sie ihren ersten richtigen Gefühlstrip, der ihre Facettenaugen weitet und ihnen einen Geschwindigkeitsboost verleiht, und wollen danach nur noch solche Leute anfliegen.

Nun wieder ohne Stiche klarzukommen, fühlt sich wie gähnende Leere an. Doch immerhin ist das Trauer –auch ein Gefühl, und viel besser als sich wieder herunterzukühlen, um nur zu funktionieren. Vielleicht bleibe ich den Mücken – in dieser Phase – ja so erhalten und ihre Stiche mir. Ich hoffe das Beste.

Sirene

Am Boden liegend,
Streitend und liebend,
Sich wälzend und meidend,
Küssend und schneidend.

Duft und Hauch,
Angst im Bauch,
Verfallend, zerstörend,
Feurig betörend.

Oh süßester Tod, komm als Beben,
Will mich geben,
Ihr – zum Leben.

© Marcus Lewerenz

Kirschen