Vom Klebenbleibenwollen

Was mache ich hier eigentlich? Ich sitze auf meiner 2-Sitzer-Couch und starre auf das Telefon. Die vielen Videos verkommen zum Einheitsbrei. Ich wollte vorhin raus. Fahrrad fahren. Doch meine Kinder sind gerade draußen und haben keinen Schlüssel dabei. Wenn ich weg bin, kommen sie nicht rein. Und warum auch Fahrradfahren. Einfach nur so? Eine Runde um die Dörfer? Ohne Sinn und Zweck? Der Bauch protestiert und ja, ganz sinnlos wäre es nicht. Aber notwendig auch nicht. Man muss nicht zur Arbeit radeln und auch nicht abends zum Konzert.

Die Wege hier sind mir schon bekannt, weshalb spazieren jetzt auch nicht so überzeugend klingt.

Eine Foto-Tour wäre vielleicht etwas. Vielleicht sehe ich heute einen Regenbogen, oder eine Bisamratte. Dann schieße ich ein paar Bilder und lade sie hoch. Zu den anderen Millionen Regenbogen- und Bisamratten-Fotos. Nee, lass mal.

Einkaufen? Meh. Müsste ich nen Test machen. Und Geld is grad auch nicht so viel da. Miete halt.

Heute morgen hatte ich einen Traum. Ich war mit den Kids im Urlaub auf dem Land. Abends am See lief mir meist eine tolle Frau über den Weg. Wir unterhielten uns. Es fühlte sich schön an. Dann kam ein alter, damals unerreichter Jugendschwarm in den Ort. Sie schien sich mir annähern zu wollen, und so ging ich darauf ein. Es war aber nur in den ersten Stunden schön. Danach gab es ständig Streit. Ein paar Tage später dankte ich ihr für den schönen Anfang, doch so könne das nicht weitergehen. Ich verabschiedete mich. Mir war klar, dass die tolle Frau vom See nun auch Vergangenheit war. Wer wird schon gern zur Seite gelegt. Also aufgewacht und alles wie bisher.

Morgens machte Frühstück und danach gingen die Kinder ans Werk. Diese Woche müssen sie zuhause lernen. Nicht schön. Nur der blöde Anteil der Schule. Ohne andere Kids, spannende Streits und Dramen. Ich habe pandemiebedingte Kinderkranktage genommen. Immer Dienstags bis Donnerstags. Da fühle ich mich meist so wie heute. Keine Kraft für Nichts. Montags und Freitags bin ich dann überfordert, vom Arbeiten mit Kinderbetreuung. Darum soll es ja eigentlich hier nicht gehen.

Was tun? Ist dies das Leben? Ständig durch Medien eingetrichtert zu bekommen, etwas Besonderes machen zu müssen, wie die anderen, und es dann aber nicht tun? Außer ein paar belanglose Fotos hochladen, oder den viermilliardsten Blogeintrag veröffentlichen? Serien schauen oder Spiele spielen, die sich andere ausgedacht haben, nur um sich nicht zu langweilen – um die Zeit im wahrsten Sinne zu vertreiben? Die ganze Zeit mit den Köpfen anderer denken, statt selbst etwas zu tun?

Ab und zu mal auf eine Demo und sich auf die Schulter klopfen?

Bienen züchten? Wein gähren? Bier brauen? Ein Haus bauen? Schrebergarten pflegen? Als einer von 80 Millionen genau das Gleiche tun, fühlt sich verdammt deprimierend an.

Der Nachteil an einer überfüllten Welt, ist, dass es so viele gibt, die das schon gemacht haben, die Fotos schon geschossen haben, die Erfahrungen schon teilten. Wozu also überhaupt den Allerwertesten bewegen?

Die Kids sind jetzt wieder hier. Ich werde wohl einen Spaziergang machen, wie immer. Oder vielleicht doch eine Fahrradtour? Ich bin so unterstimuliert, das es fast lustig ist.

Kinder zu zeugen und aufzuziehen hat ja schon sehr viel Sinn, zumindest aus biologischer Sicht. Aber ist es das schon? Auch vor der Pandemie: Was möchte ich mit meinem Leben anfangen? Ich bin bald 40 Jahre auf diesem Planeten und kann eigentlich keinen roten Faden erkennen. Kein durchgehendes sinnstiftendes Hobby. Keine dauerhafte Zufriedenheit im Job. Was ist da los? Sind Hobbies nur eine Erfindung der Wirtschaft? Bin ich schon so tumb, dass ich nicht spüre, was ich brauche? Ist das Streben danach, etwas Glücklichmachendes zu tun nur indoktriniert? Sollte ich froh sein, Essen und ein Dach zu haben, und sonst nur die Zeit hier absitzen?

Im ersten Lockdown wusste ich noch, dass die Schwere, die sich auf mich legt, von außen kommt. Aufgestülpt von den wenigen Kontakten, dem schlechten Gewissen, wenn man seine Freunde umarmt, und dem Abstandhalten. Damit konnte ich umgehen mich distanzieren, es kam ja von außen. Heute, über ein Jahr später, bin ich mir nicht mehr so sicher. Die Grenze zu meiner Psyche wird durchlässig. Mentale Schärfe gibt es schon lange nicht mehr, eher Vergesslichkeit und Konzentrationsschwäche. Brei im Kopf.

Eigentlich würde ich gerne alles hinschmeißen. Möchte meinen Kids aber ein gutes Leben gewähren. Schließt sich wohl aus. Was wohl rauskäme, wenn ich es trotzdem täte? Nach 4 Wochen zocken wäre ich wohl an dem gleichen Punkt wie jetzt. Es langweilt. Aber dann müsste ich nicht arbeiten und könnte andere Dinge ausprobieren.

Ich muss immer wieder an eines meiner Lieblingslieder denken. „Krieger“ von den fantastischen Vier, und dass ich nicht das Gefühl habe, bereits erwacht zu sein. Oder ist dass auch wieder nur so ein eingetrichtertes Sehnen? Ich will aber nicht, dass die Unzufriedenheit aus mir herausquillt, wie es im Text so aufrüttelnd heißt.

Nur für ein paar Stunden ans Meer, und dann gleich wieder zurück. Wind, Salz, Möwen und Sand. Und ganz kurz eiskalt baden. Darf man ungeimpfter Weise aber nicht. Und Kinder erst recht nicht, für sie gibt es ja noch keine Impfung. Versteh‘ ich schon. Trotzdem Scheisse. Mein Cousin warnt mich vor den 2000 Euro Strafe und den scharf kontrollierenden Anwohnern.

Resilienz ist eine Ressource. Heute spüre ich ihre Endlichkeit.

Wie finden Andere den Sinn, in dem was sie tun? Ist es meine eigene Existenzangst, die mich davon abhält, Veränderungen zuzulassen? Dinge auszuprobieren? Aber wenn ich nicht einmal eine Idee habe, in welche Richtung es gehen könnte?

Ich bleibe dabei. Das Leben ist echt lang… zumindest, wenn man nicht früh durch eine Tragödie stirbt. Man muss ganzschön lange mit sich selbst klarkommen. Und hat irgendwie implizit die Aufgabe, das Glück und das innere Kind, mit ins Alter zu transportieren. Zumindest denke ich das. Mich beschleicht aber immer wieder das Gefühl, dass wir hier versuchen, unser Leben nur rumzukriegen. Irgendwie machen wir hier alle dasselbe, jeder ein bisschen anders. Komme ich einfach nur nicht mit meiner Mittelmäßigkeit klar? Der eine hat keinen Fernseher, reist dafür aber übermäßig viel. Eine Andere treibt unglaublich viel Sport und ruiniert sich so ihren Körper.

Im Grunde, beneide ich sie. Sie haben etwas, was sie immer wieder machen wollen. Eine Leidenschaft. Wie kommt man da hin? Wie findet man etwas, dass einen begeistert? Etwas, dass man immer wieder tun möchte? Entscheidet man sich einfach dafür? Auch wenn es erstmal langweilig scheint?

Nie war ich großer Fan genau einer Band oder einer Schauspielerin, kein Hobby, dass sich über Jahre hält. Immer drifte ich zwischen allem und bleibe nirgens hängen. Ich würde wirklich gern irgendwo kleben bleiben.

Das Kurze und das Weite

Es war ein guter Tag, würden sie finden, es ihm sagen, und er sich bemühen, ihnen, mit einem zur-Kenntnis-nehmenden Blick, zu antworten. Er zog an seiner dünnen Zigarette und genoss den Moment. Seine Hand war knittrig und alt, wie auch er alt war. Genau wusste er es nicht, aber er schätzte in den Siebzigern. Er war schnell gealtert, hatte von Bier und Frauen gelebt, glaubte er – zumindest solange beides miteinander vereinbar war. Aber war es denn ein guter Tag? Sicher, aus den Augen der jungen Leute musste es ein guter Tag für einen Alten sein, wenn er wach war, wie sie. Für sich selbst allerdings wusste er es nicht sicher. Er verbrachte viel Zeit in Dämmerzuständen, einer Abwesenheit, wie es die Anderen empfinden mussten. Als es anfing, hatte er viel darüber nachgedacht, es aber auch geschehen lassen, weil er müde war. Ausgelöst hatte es wohl eine Kleinigkeit. Vielleicht wirkte sie wie der letzte Schubs, der notwendig war, um diesen langsamen Abschied ins Rollen zu bringen, zu erkennen, dass die Willenskraft aufgebraucht war. Vielleicht hatten seine Kinder ihn nicht besucht oder er verstand wieder einmal diese rasende Welt nicht mehr. Er zog ein weiteres Mal an seiner Zigarette – seine Einzige am Tag, mehr schaffte er nicht. Gleich müsste es Kaffee geben, glaubte er. Eine Schwester würde über den Flur fegen und die Leute zusammenrufen. Er käme von allein an den Tisch. Die Schwester würde es bemerken, und ihm schließlich sagen, es wäre ein guter Tag. Vielleicht würde sie es auch nur zu einem der anderen Pfleger sagen. Den Kaffee wollte er ebenfalls sehr genießen.

An seinen Dämmerzuständen fand er selbst nichts Schlechtes. Es war wie ein Loslassen. Die angesammelten Gefühle aus seinem Leben bestimmten dann seine Existenz. Leider waren sie nicht durchweg gut. Hatte er sich doch immer eher als Opfer gesehen, und letztlich mit innerem Gram auf die Ereignisse reagiert. Selbst bewegt hatte er sich nicht, um das zu ändern. Das wusste er jetzt. Und auch darüber empfand er Gram. Warum war es ihm erst so spät klar geworden, hatte es ihm niemand früher gesagt? Vielleicht hatte man das ja, und er hatte es nicht verstanden. Er hätte gerne so viel probiert, blieb jedoch immer seinen Vorstellungen von Pflicht treu. Da diese Gefühle jedoch auch im Wachen bei ihm waren, ja ihn, mit allen anderen Gefühlen, ausmachten, empfand er sie in den traumgleichen Phasen nicht störender als im Wachen. Sie gehörten zu ihm und er lebte in ihnen, spielte sie immer wieder ab und ließ sie mit den anderen, besseren Gefühlen und Erfahrungen seines Lebens in Berührung kommen. Er vermutete auch, dass er früher einmal ein Professor oder Ähnliches gewesen war, da er doch zu solcher Selbstreflexion im Stande war. Bei diesem Versuch des Selbstlobes musste er schmunzeln. Schmunzeln, auch etwas, dass er früher wenig getan hatte. Etwas vergeudet kam er sich vor. Hatte er doch immer alles richtig machen wollen und blieb sich so selbst fern. Er bekam Panik. So nahe war er der Selbsteinsicht nicht oft gekommen, und auch jetzt blies er sie lieber nach einem weiteren Zug davon. Trotzdem, er blieb dabei: Ein wacher Tag war in seinem Alter nicht zwingend ein guter Tag.

Eine Schwester kam herein, ihr folgte ein junger Pfleger. Zuerst wusste er nicht, was sie wollten, doch als die Schwester aus einem Schrank eine dieser blauen Windeln holte, fiel ihm ein, dass er auf einem Toilettenstuhl saß, während er geraucht und aus dem Fenster geblickt hatte. Der junge Pfleger bat ihn, aufzustehen, und das tat er. Den Willen, diesem Jungen das Leben schwer zu machen, hatte er nicht mehr. Er ließ sich von ihm umdrehen, und hielt sich nun leicht gebückt stehend an den Armlehnen des Stuhls fest, während der Junge ihn säuberte. Er strengte sich an, um leicht unangenehm berührt zu wirken, und so den Pflegern zu zeigen, dass er noch wusste, in welchen Kategorien sie dachten, und dass es dazu gehörte, sich unangenehm zu fühlen, wenn man sich selbst nicht mehr erleichtern und säubern konnte. Letztendlich war es ihm jedoch nicht mehr so wichtig, und er wusste auch nicht, warum er etwas anderes vorspielte. Vielleicht war es der Drang, irgendwie noch dazuzugehören, irgendwie noch menschlich zu sein, ein letzter Rest von Lebenswillen. Nachdem er angezogen, und der Toilettenstuhl mit einem Deckel versehen war, setzte er sich wieder. Draußen schien die Sonne und die Bäume waren grün. Es musste Sommer sein. Oder ein später Frühling. Wo er war, wusste er nicht. Manchmal wusste er nicht einmal, wo sein Bett stand. Vielleicht hatte er es gewusst, als er herkam, das schien ihm jedoch schon lange her. Er bewältigte den Tag, indem er seiner Intuition folgte, wenn er etwas suchte – er verließ sich darauf, dass sein Unterbewusstsein sich in den letzten Jahren eingewöhnt hatte. Der rauschende Baum versetzte ihn wieder in einen verträumten Zustand, obwohl Dämmerung doch besser passte, fand er. Er ließ es zu, und verließ sich darauf, dass er zum Kaffee wieder zurückkehren würde.

Als die Schwester ihn schließlich irgendwann an den Tisch setzte, sah er, wie auch andere gebracht wurden. Ging es ihnen ähnlich? Oder waren sie noch lebendiger als er? Er konnte es nicht erkennen. Sie waren ihm fern. Er erkannte oft nur ihre Gemütslage und ihre Anwesenheit. Vielleicht geht man die letzte Reise nun einmal allein. Es war wohl auch besser so. Die Kaffeetasse stand dampfend vor ihm. Er sog den Geruch ein, als er seine Nase erreichte. So wie Zigaretten widerlich schmeckten, schmeckte auch Kaffee, oder andere Süchtigmacher. Man musste sich daran gewöhnen, um es zu genießen. Ging es doch nicht um den Geschmack, sondern um die Möglichkeit, den Moment auszukosten. Erst später lernte man auch den Geschmack lieben. Um rastlose Wesen zum Halten zu bewegen, war oft etwas Bemerkenswertes, und zuweilen Bitteres in einem edlen Mantel notwendig. Es waren Stützen, um zu sich selbst zu finden, dem Rastlosen eine Rast zu schaffen. Zigaretten und Kaffee halfen ihm im Alltag über schwierige, aber auch schöne Momente hinweg. Als würde alles letztlich ausgeglichen werden. Das Bedürfnis nach einem Kaffee, wenn man das Glück in einem Moment einfach nicht mehr aushielt und es auf ein erträgliches Maß heruntertrinken oder -rauchen musste, so dass Körper und Geist wieder im Einklang waren.

Wann war es eigentlich, als er wach und rauchend auf dem Toilettensitz saß? War es heute gewesen, oder schon ein paar Tage her? Er fühlte sich nicht mehr so klar. Vielleicht würde der Kaffee helfen, wenn er es schaffte, ihn zu trinken. Die kleine Tasse mit dem Goldrand hatte einen Sprung, der ihm so deutlich ins Auge sprang, dass es fast wehtat. Sie war so erschreckend real. Weit realer, als er es selbst war. Ihr Rand war so absolut, all ihre Kanten, der Henkel, ihr Material, ihre Ausdehnung so körperlich, dass er befürchtete, es würde ihn schmerzen, wenn er sie berührte, um sie anzuheben. Ihm war, als könne er kaum noch die Willenskraft aufbringen, die Wirklichkeit dieser Tasse anzuerkennen. In seinem Universum existierte sie nicht mehr als eine körperliche Präsenz, für ihn war sie als Vorstellung realer. Seine Wirklichkeit wurde schleichend zu etwas anderem, und so nahm er die Welt immer weniger wahr und entblich ihr allmählich. Er konnte sich nicht mehr auf etwas so konkretes konzentrieren, wobei selbst das Wort ‚konkret‘ bereits so schneidend auf eine Bedeutung festgelegt war, dass er es im Geiste nicht formulierte, sondern nur etwas in dieser Art empfand. So ging es ihm in allem, was er noch erfuhr. Er fühlte mehr, als dass er dachte. Es entfielen ihm immer mehr Erinnerungen, sie spielten auch kaum eine Rolle, war doch das Gefühl nun ausschlaggebend.

Der Fernseher lief, und einige seiner Mitbewohner saßen davor, auch er selbst schaute hin, doch sah er nicht mehr richtig zu. Eine Frau am Nachbartisch erinnerte ihn an sich selbst. Vielleicht weil sie ihm verloren vorkam. Etwas bereuend, oder vermissend. An die Kindheit denkend und vielleicht sich fragend, warum sie es nicht geschafft hatte, das Kind, dass sie einst war, bis hierher in sich zu tragen. Doch auf eine bestimmte Weise war es auch gut. Die Umarmung der Dämmerung war warm und bot Schutz. Wir alle hatten dieses Leben, wir scheiterten, wir bereuten, verletzten und waren doch nur diese kleinen Wesen, die mal auf die Welt gekommen waren. Wir litten, wir liebten, wir weinten und lachten. Einige schafften es vielleicht, der Verantwortung gegenüber sich selbst gerecht zu werden, doch viele schafften es nicht, töteten sich über viele Jahre selbst. Er gehörte dazu, das wusste er. Doch auf irgendeine Weise war das nichts Schlechtes. So etwas passierte und letztlich waren alle gleich, wie aus demselben Ei. Er war zu weit gegangen, um jetzt noch verbittert zu sein, es spielte kaum noch eine Rolle, und so akzeptierte er sich. Der junge Pfleger wollte ihn zum Trinken animieren und deutete auf seine Tabletten neben dem Teller. Er ignorierte ihn, doch der Junge bestand darauf und hielt ihm die Tabletten hin. Wozu sollte er sie nehmen, was hatte er davon? Es schien, als würde es dem Pfleger mehr bringen als ihm selbst, wenn er sie nahm. Vielleicht nahm man sie genau deshalb, damit sich die Anderen gut fühlten. Er drehte seinen Kopf weg, und dämmerte in seine Welt. Mochten sie ihm die Tabletten einflößen oder nicht. Sein Inneres bewegte sich in Wellen, alte Gefühle aus seinem Leben mischten sich untereinander, ließen sich Revue passieren bis sie alles waren, was er war, ihre Zusammensetzung ihn ganz ausmachte. Denn sie war einzigartig unter Allem. Seine Gedanken verloren immer mehr an Schärfe, waren sie doch so lange scharf gewesen. Die Stille forderte nun ihren Ausgleich und er verlor den Bezug zur Sprache. Lange schwebte er als diese Wolke aus Gefühlen, bis er sich wieder sammelte und wacher und konzentrierter wurde. Es gab jedoch kein Bett mehr, oder auch kein Gefühl mehr, in seinem Bett zu erwachen. Und doch war es ganz ähnlich. Er musste sich nicht auf Gegenstände einlassen oder auf Stimmen. Alles das war verblichen und gewichtslos. Er kannte dieses Gefühl, er hatte es schon viele Male erlebt. Auch das ‚er‘ haftete ihm nur noch als schwächer werdende Erinnerung an. Er musste in den Äther hinübergedämmert sein. Seine wache Phase allerdings hielt nicht lange an, immer wieder verblieb er im Traum. Doch nach und nach wusste er, dass er das Weite suchen würde und, dass es dann soweit war, wenn auch er es war. Er, oder jetzt eher es selbst, war ein Kurzes. Es fühlte die ferne Anwesenheit des Weiten und die Notwendigkeit, weiter zu dämmern, bis es frei war von so viel Konkretem, bis es sein Leben endgültig losgelassen hatte, und bereit war. Die Zeit, die bis dahin vergehen würde, konnte unmöglich gemessen werden, gab es doch keine Bezugspunkte. Es gab nur das Sein, und schließlich den losgelösten Zustand. Zeit hatte hier keine andere Bedeutung als diese.

Als es schließlich soweit war, verstand das Kurze, dass es ein Teil des Weiten war, und es nur darauf ankam, zu sich selbst zu finden. Jenes Selbst, das allen gemeinsam war. Der weite Teil empfand dem Kurzen gegenüber ein Bedauern über den Gram in sich, aber auch Mitleid und Ermunterung. Das Kurze antwortete dem weiten Teil mit Müdigkeit. Viel differenzierter konnte es sich noch nicht fokussieren, doch dies war auch das wesentliche Gefühl, das es jetzt ausmachte.

Das Weite blickte mit Liebe auf dieses Kurze und erkannte es statt an seinem Namen an seinem Gefühlsgemisch. Ein weiteres Leben würde diesem Kurzen auch eine Veränderung dieses Namens einbringen. Doch es schien wirklich sehr müde, wenn es sich richtig in das Kurze hineinversetzte. Die Müdigkeit, die Sehnsucht nach der Dämmerung, in der Gedanken schweiften, ohne Mühe. Gut, sollte es dämmern, so wie das Weite selbst einst und auch jetzt immer wieder.

Vor Äonen bestand das Weite noch nicht, so wie heute. Es dämmerte ganze Ewigkeiten, bis schließlich die ersten Momente der Selbstempfindung begannen, doch versank es immer wieder im Meer des Träumens. Immer, wenn es sich daraus emporschwang, um sich selbst bewusst zu sein, war es auch bereits wieder im Begriff, zu sinken, bis auch dieser Rhythmus dem Selbst bewusst wurde. Und so fing es an, die Phasen des Bewussten mit seiner Willenskraft zu verlängern. Die Dämmerphasen wechselten immer gleichmäßiger mit der Bewusstheit, bis eine vollständige Harmonie herrschte, und das Selbst kaum noch Mühe hatte, diesen Rhythmus zu erhalten.

Mit dem Wechsel der Zustände formierte sich für unsere Wesenheit das Konzept der Zeit. Eine sehr lange Zeit erhielt es nur diesen Rhythmus aufrecht, bis es schließlich begann, einzelne Phasen zu verkürzen und zu verlängern. Doch es lernte, dass nach längeren Wachphasen auch immer längere Dämmerphasen folgten, so dass die Harmonie stets ihren Ausgleich forderte. Aus sich selbst heraus hatte das Weite, dass sich damals nur als Selbst empfand, mit diesem harmonischen Rhythmus also etwas Eigenständiges erschaffen, das sich erhielt und auf das unsere Wesenheit nur begrenzten Einfluss hatte. So ließ es also die Harmonie gewähren, auch wenn das Selbst hin und wieder Phasen dehnte. Allein die Selbstständigkeit der Harmonie bereicherte das ansonsten nur mit sich selbst bekannte Wesen. Beflügelt von seiner Schöpfung, die immer noch Teil des Selbst war, erkannte es auch neue Gefühle in sich. Jenes, welches die Dämmerphasen verlängern wollte, da die bewusste Zeit zu viel Willen forderte, und dieses, das drängte, die Wachheit zu verlängern, da es so interessant war, bewusst zu fühlen und zu erfahren. Beide Strömungen waren im Grunde von gleicher Stärke, die sich nur zeitweise unterschied.

Unser Wesen war sich also nicht nur selbst bewusst geworden, hatte den Rhythmus des Wachens und des Dämmerns mit der Kraft seines Willens geschaffen und so die Zeit entdeckt – es war auch selbst komplexer geworden. Als es sich der beiden neuen Gefühlsströmungen bewusst wurde und auch der Tatsache, dass sie sich gegenseitig ausglichen, durchfuhr dieses Selbst eine Art Zufriedenheit – weil es wieder eine neue Erfahrung war. Auch über die Zufriedenheit sann es nach, und über ihr Fehlen, und das daraus resultierende Gefühl der Leere, der Abwesenheit von Erfahrung. Die Zufriedenheit selbst gab wieder Willenskraft zu neuer Erfahrung und Erhaltung des bewussten Zustands, während ihr Fehlen zur Dämmerung führte. Auf diese Weise begriff das Selbst das Konzept der Energie und ihres Fehlens. Ersteres war ein Gefühl, das die eigene Seele erhellte und weitete, während Letzteres zur Ruhe führte, in die Abwesenheit des Hellen. Es war unserem Wesen auch bewusst, dass es das Helle nicht ohne den Kontrast zu seiner Abwesenheit gäbe, und dieses Dunkel auch notwendig war. So war also das Licht erfühlt worden, eng verbunden mit der Energie, der Zufriedenheit und der Bewusstheit. Auf der anderen Seite das Dunkel, verbunden mit der Ruhe, dem Fehlen von Energie und aktiven Erfahrungen.

All diese Konzepte betrachtend, wurde ihm klar, dass es zu allem auch das jeweils Fehlende gab. Es fragte sich, ob es auch Konzepte gäbe, die mehrerer Zustände bedürfen. Die Zahlen erschlossen sich auf diese Weise, sowie, nach weiterer Reflexion, die Anfänge der Mathematik. Dabei stellte es fest, dass die Zahl Zwei die Basis von allem war, da doch alles durch sich selbst und seiner Abwesenheit wahrgenommen werden konnte und dies zwei grundlegende Zustände beschreibt.

Durch das Erforschen der Mathematik lernte das Selbst die Konzentration und dessen Gegenüber – die Intuition – die beide für die Mathematik wichtig waren. Konnte doch die Konzentration ermöglichen, in allem den mathematischen Kern zu erkennen. Die Intuition diente dem Erforschen neuer Richtungen und der Schaffung neuer geschlossener Systeme aus Gesetzen, um so die Mathematik immer wieder zu erweitern. Nach langer Zeit erschuf es immer detailliertere Systeme, in denen verschiedene Gesetze herrschten, es fügte der Mathematik viele Dimensionen zu, die die Zeit ergänzten. Unter den erdachten Systemen war schließlich auch eines, in denen es den Raum erschuf mit seiner Tiefe, der Breite und der Höhe. In diesem System erschuf es Teile, die sich nur über die Zeit erstreckten und Energie banden, wieder andere Teile erstreckten sich auch im Raum. Das Selbst kombinierte diese Teile und ließ sie untereinander wirken, so dass sie in diesem Raum kleine Systeme bildeten, die sich selbst erhielten und wieder mit anderen Systemen zusammenwirkten. All dies war eine, von unserem Wesen erdachte und nur durch Willen aufrecht erhaltene Vorstellung, ein Gedankenexperiment. Als es sah, dass die erschaffenen Teile im Raum miteinander wirkten, sich an die erdachten Gesetz hielten, und es diese Vorstellung mit all ihren Details, auf Grund ihrer inneren Harmonie aufrecht erhalten konnte, vervielfachte es die Anzahl der erdachten kleinsten Teile massenhaft. Das Selbst war gespannt, wie die Teile sich weiterentwickeln würden. In der Tat bildeten sie immer neue Zusammenschlüsse immer größerer Ordnung, bis schließlich jene Teile entstanden, die später Atome genannt wurden, und auch sie wieder miteinander in Wechselwirkung traten. Äonen später hatte sich all die Materie, die sich aus den Atomen gebildet hatte, im Raum ausgedehnt, erste Sterne bildeten sich und Planeten entstanden aus dem Sonnenstaub. Die sich immer wiederholende Harmonie ließ das Universum sich fast von selbst entwickeln und unser Wesen beobachtete seine eigene Vorstellung fasziniert. Sonnen spendeten Energie, Planeten reckten sich in ihrem Licht und drehten sich um ihre Sterne wie Elektronen um den Atomkern. All diese Bezeichnungen waren noch nicht erdacht. Das Wesen jedoch empfand zu all diesen Arten von Materie individuelle Gedanken und Gefühle, die ihren Namen entsprachen.

Ewigkeiten vergingen, doch entstanden aus all den verschiedenen Teilen komplexere, die sich in ihren Umgebungen versuchten, zu erhalten. Auch diese Wesen wurden immer komplexer, und das Weite hatte Mühe, sich auf all diese zu konzentrieren, sich ihr Wirken vorzustellen, ihre Aktionen auszudenken, die dem Selbsterhalt dienten. Und schließlich ließ das Weite seine Gedanken an jener Stelle schweifen. Die Wesen jedoch existierten weiter und wurden so immer selbstständiger. Erstaunt erkannte das Weite in diesen Wesen die Verwandtschaft zu sich selbst, existierten sie doch in einer von Harmonie bestimmten Welt seiner Vorstellung. Sie waren nur nicht so weit wie es selbst, sie waren auf eine Art kürzer, die trotzdem all das eigene Potential in sich barg. Verwundert beobachtete das Weite diese kurzen Seelen. Ein Teil von ihnen würde später seinen Planeten Erde, seinen Mond Luna und die Sonne Sol nennen. Wieder andere erfanden andere Namen. Das Weite war fasziniert von den Sprachen, die einige Wesen entwickelten, um die Barriere der erdachten Grenzen Ihrer selbst zu überwinden. Von allen Sprachen, war ihm die Musik am nächsten. Gleichzeitig sah es die unbewusste tiefe Sehnsucht der Wesen, sich in Gänze miteinander zu vereinen. Vielleicht spürten sie tief im Inneren, dass sie alle ein Teil ein und desselben waren.

Die Menschen und Tiere und Pflanzen starben, wie es die Menschen nannten. Meist dann, wenn das Kurze darin müde wurde und sich erschöpft hatte von der Anstrengung, das eigene Leben zu erhalten und sich in dieser vorgestellten Welt zu bewegen. Andere Male verstarb der Körper, der den Gesetzen des erdachten Universums gehören musste. Ein Kurzes dämmerte meist nach dem Tode seines Körpers, bis es das Konkrete am Leben vollkommen losgelassen hatte und erst dann erfühlen konnte, was da schon immer im Hintergrund existierte, und von dem es ein Teil war.

Viele Kurze lebten Leben um Leben, ohne weiter zu werden, und doch passierte es irgendwann, ganz unvorhergesehen, oder auch sich stetig weitend. Ein paar Mal war es sogar geschehen, dass vorerst Kurze eine Weite erreicht hatten, die dem Weiten entsprach. Jene nahmen meist nicht wieder den Platz in der Vorstellung des Weiten ein, sie hatten sich von ihm unabhängig gemacht und hatten sich so auf die Existenzebene des Weiten gebracht. Sie berührten sich, die Gefühle überlagerten sich, doch ging jedes seine eigenen Wege und bereicherte so auch die Existenz des Weiten. Das Weite fragte sich, ob so neue Universen entstanden. Es wusste nicht, was genau diese neuen Weiten ausmachte, doch war es nicht mehr allein.

So ruhte also das Kurze, den Ausschweifungen des Weiten folgend, allmählich die Müdigkeit ablegend, sich Kraft ergreifend, bis es irgendwann genug geruht hatte, und nun das Bewusste anfing, seinen Ausgleich zu fordern, um dem kosmischen Rhythmus Tribut zu zollen. Zusammen mit dem Weiten stellte es sich dumpfe Geräusche vor, die es umgab, erinnerte sich an Berührungen aus vergangenen Leben und fühlte sogar diffuses, schwaches Licht. Immer intensiver fühlte es diese Eindrücke, bis es Geräusche wiedererkannte und sich daran festhielt. Die wachen Phasen wurden allmählich ausgeprägter, doch waren immer noch schwach. Das Weite begleitete es, wurde jedoch bereits leiser für unser Kurzes. Die Empfindungen, die immer konkreter und interessanter wurden, drängten sich bereits in den Vordergrund. Das Kurze fühlte sich geborgen und lauschte rhythmischen Geräuschen und Empfindungen, die von einem anderen Kurzen stammten, dass ihm sehr nahe war, so nahe, dass beide beinahe Eins waren, bis der Moment kam, an dem beide fühlten, dass es Zeit war, für das Leben. Das Nahe zog das Kurze in eine Wachphase, die voll extremer und berauschender Empfindungen war. Es fühlte großen Druck und laute Geräusche und beide waren sehr aufgeregt, bis sich die Gefühle ins Unermessliche, kaum Aushaltbare gesteigert hatten und alles einem tiefen, donnernden und gurgelndem Brüllen glich, das alle Welten erschütterte – und schließlich nachließ. Es war nun mehr allein als zuvor und alles war anders. Das andere Kurze war noch da, aber es fühlte sich nicht mehr in ihm, doch immer noch nahe. Die Zeit verging, nun messbarer, und es lernte, Formen zu sehen und zu erkennen, Geräusche als Stimmen zu verstehen und schließlich als Worte. Es haftete ihm noch das Weite an, doch wurde es vom Leben mit all seinen Empfindungen immer weiter in den Hintergrund gedrängt. Unser Kurzes wurde mit jedem Tag wacher, bis es schließlich das Weite ganz vergessen musste und nun völlig eingebunden war, im Netz des eigenen menschlichen Bewusstseins mit interessanten, erstaunlich plastischen Körpern und konkreten Bedeutungen. Es berührte und schmeckte, es lachte und weinte und fühlte die Liebe, die es noch an das Weite erinnerte. Die Gefühle waren es immer noch, die es ausmachten, der alte Gram, aber auch den Trost, den es vom Weiten erhielt. Auch Willen war da, der Willen, den Gram nicht wachsen zu lassen, und sich um das eigene Selbst zu kümmern. Später würde es nicht mehr wissen, woher dieser Wille und das damit verbundene Wissen kam, doch würde es sich in diesem Leben daran halten, da es nun noch besser wusste, dass es sein wahrer Name war.

© Marcus Lewerenz

Der Konsum und sein Superlativ

Der Wecker klingelt leise und ich beschließe aufzustehen, taumele in die Küche, fülle den Wasserkocher und stelle ihn an. Nachdem ich mich angezogen habe, gieße ich die Tasse auf. Ich lasse dabei immer wieder Wasser über den Beutel laufen, um zu verhindern dass er schwimmt. Im Radio präsentiert ein großer Baumarkt ein neues Konzert Im Olympiastadion, und der Wetterbericht wird von einem Pflanzenmarkt unterstützt. Gedankenversunken sitze ich am Tisch und schmiere mir mein Mittagsbrot, nachdem ich mir etwas zum Frühstück gegönnt hatte: Ein Brot mit Zuckerrübensirup und Butter. Beim Schürsenkel binden auf dem Flur kommt der Kater der Obermieter vorbei. Ich halte die Hand über seinen Kopf, und er springt, um sich daran zu schmiegen. Ich kraule seine Ohren und verlasse ihn dann. Die Wanderschuhe sitzen und die Jacke fühlt sich angenehm an. Ich habe Lust auf eine Wanderung. Schließlich trete ich aus dem Haus. Ich grüße den Nachbar und schließe mein Fahrrad auf. Beim Abbiegen auf die Hauptstraße verlasse ich meine Welt und werde in den lauten Stadtmorgen gezogen. Mein Inneres spannt sich und wird mitgerissen. Ich überlege, was ich heute auf der Arbeit machen wollte. Als es mir einfällt hat mich der Tag gepackt. Gedankenschweifend verbringe ich den Rest der Fahrt. Busse fahren los, Ampeln schalten und auf der Brücke schaue ich sehnsüchtig, ob sich Nebel auf dem Wasser gebildet hat. Autos mit Aufschriften überholen mich und unzählige Werbeplakate schreien immer bunter nach Aufmerksamkeit. Nachdem ich meine Kollegen begrüßt habe, der Rechner läuft und der nächste Pfefferminztee auf dem Schreibtisch steht, beginne ich meine Arbeit. Das Büro füllt sich langsam und dabei wird es immer lauter. Die Kopfhörer liegen vorbereitet am Notebook und ich übertöne die Störungen mit Musik. Beim Recherchieren oder auch Wartezeiten-Füllen blinken mich Werbeanzeigen an, mit Dingen die ich kaufen könnte und Präsentationen, wie toll sie doch wären. Das beste Netz, Diäten für das Verlieren von 5 Kilogramm in einer Woche. Die größte Musik-Streamingplattform, Trailer für den besten Bond aller Zeiten und DVDs, nein, Entschuldigung, BlueRays für den letzten Transformers-Film. In dem noch größere Riesenroboter mit noch heftigeren Waffen die Erde vor einer noch größeren Bedrohung retten. Nebenbei unterbricht „Spotify free“ die Soundwiedergabe und spielt ebenfalls eine Werbung ab. Ich setze die Kopfhörer ab. Da ich gerade etwas Wartezeit habe, lechzt mein Gehirn nach weiterer, schnell verfügbarer Stimulierung, ohne sich anstrengen zu müssen. Ich schaue bei einem großen Online-Versandhändler nach der Kamera, die ich mir vielleicht kaufen werde. Ich habe bereits eine Kamera, und ich habe viele Fotos. Keines davon hängt an der heimischen Wand. Die neue Kamera kann die Objektive wechseln und Vieles ist manuell einstellbar. Da ich sie mir schon einige Male angeschaut habe, taucht sie in der Werbung immer wieder für mich auf. Den Abend lasse ich heute vor dem Fernseher ausklingen. Ich schaue ein wenig Star Trek und um acht Uhr kommt ein Film. Wieder Werbung. Je größer der Fernseher, desto größer auch die Werbefläche. Der Abend verkommt dadurch zum Einheitsbrei. Um die Werbung zu überspringen, schaue ich derweil auf mein Telefon und entdecke gesponsorte Nachrichten im sozialen Netz. Die Hauptfigur des Films fährt das neueste Modell einer bekannten Automarke und trägt Schuhe, die Ich nicht kenne, die aber extra deutlich erwähnt werden.

Nach fünf Arbeitstagen brauche ich mein Wochenende. Samstagmorgen sattele ich mein Fahrrad, ziehe die Wanderschuhe an, die gut sitzende Jacke und fahre raus aufs Land. In den Wald und zu den Feldern. Das Fahrrad bleibt in einem Dorf und ich laufe in die Wildnis, wo Blätterrauschen den eigenen Atem beruhigt, wiegende Gräser die Augen entspannen, Nieselregen das Gesicht erfrischt und Kälte mich in Bewegung bleiben lässt. Die leere Hosentasche lacht über meine, nach dem Handy suchende Hand. Nach einer Weile beruhigt sich der Sturm in meinem Kopf. Es sind nicht mehr die Slogans, die ihre Kreise drehen, sondern es ist der Genuss der Farbnuancen einer Spätherbstlandschaft. Ein plötzliches unwirkliches Schneegestöber mit dunklen Wolken und Sonnenschein übertrumpft jedes Ding, das ich mir kaufen würde. Es vertreibt die faule Stimulationssucht meines Gehirns und setzt an diese Stelle Ruhe. Ich bin glücklich jetzt, auch weil ich endlich einmal wieder wirklich erschöpft bin.

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