Der Konsum und sein Superlativ

Der Wecker klingelt leise und ich beschließe aufzustehen, taumele in die Küche, fülle den Wasserkocher und stelle ihn an. Nachdem ich mich angezogen habe, gieße ich die Tasse auf. Ich lasse dabei immer wieder Wasser über den Beutel laufen, um zu verhindern dass er schwimmt. Im Radio präsentiert ein großer Baumarkt ein neues Konzert Im Olympiastadion, und der Wetterbericht wird von einem Pflanzenmarkt unterstützt. Gedankenversunken sitze ich am Tisch und schmiere mir mein Mittagsbrot, nachdem ich mir etwas zum Frühstück gegönnt hatte: Ein Brot mit Zuckerrübensirup und Butter. Beim Schürsenkel binden auf dem Flur kommt der Kater der Obermieter vorbei. Ich halte die Hand über seinen Kopf, und er springt, um sich daran zu schmiegen. Ich kraule seine Ohren und verlasse ihn dann. Die Wanderschuhe sitzen und die Jacke fühlt sich angenehm an. Ich habe Lust auf eine Wanderung. Schließlich trete ich aus dem Haus. Ich grüße den Nachbar und schließe mein Fahrrad auf. Beim Abbiegen auf die Hauptstraße verlasse ich meine Welt und werde in den lauten Stadtmorgen gezogen. Mein Inneres spannt sich und wird mitgerissen. Ich überlege, was ich heute auf der Arbeit machen wollte. Als es mir einfällt hat mich der Tag gepackt. Gedankenschweifend verbringe ich den Rest der Fahrt. Busse fahren los, Ampeln schalten und auf der Brücke schaue ich sehnsüchtig, ob sich Nebel auf dem Wasser gebildet hat. Autos mit Aufschriften überholen mich und unzählige Werbeplakate schreien immer bunter nach Aufmerksamkeit. Nachdem ich meine Kollegen begrüßt habe, der Rechner läuft und der nächste Pfefferminztee auf dem Schreibtisch steht, beginne ich meine Arbeit. Das Büro füllt sich langsam und dabei wird es immer lauter. Die Kopfhörer liegen vorbereitet am Notebook und ich übertöne die Störungen mit Musik. Beim Recherchieren oder auch Wartezeiten-Füllen blinken mich Werbeanzeigen an, mit Dingen die ich kaufen könnte und Präsentationen, wie toll sie doch wären. Das beste Netz, Diäten für das Verlieren von 5 Kilogramm in einer Woche. Die größte Musik-Streamingplattform, Trailer für den besten Bond aller Zeiten und DVDs, nein, Entschuldigung, BlueRays für den letzten Transformers-Film. In dem noch größere Riesenroboter mit noch heftigeren Waffen die Erde vor einer noch größeren Bedrohung retten. Nebenbei unterbricht „Spotify free“ die Soundwiedergabe und spielt ebenfalls eine Werbung ab. Ich setze die Kopfhörer ab. Da ich gerade etwas Wartezeit habe, lechzt mein Gehirn nach weiterer, schnell verfügbarer Stimulierung, ohne sich anstrengen zu müssen. Ich schaue bei einem großen Online-Versandhändler nach der Kamera, die ich mir vielleicht kaufen werde. Ich habe bereits eine Kamera, und ich habe viele Fotos. Keines davon hängt an der heimischen Wand. Die neue Kamera kann die Objektive wechseln und Vieles ist manuell einstellbar. Da ich sie mir schon einige Male angeschaut habe, taucht sie in der Werbung immer wieder für mich auf. Den Abend lasse ich heute vor dem Fernseher ausklingen. Ich schaue ein wenig Star Trek und um acht Uhr kommt ein Film. Wieder Werbung. Je größer der Fernseher, desto größer auch die Werbefläche. Der Abend verkommt dadurch zum Einheitsbrei. Um die Werbung zu überspringen, schaue ich derweil auf mein Telefon und entdecke gesponsorte Nachrichten im sozialen Netz. Die Hauptfigur des Films fährt das neueste Modell einer bekannten Automarke und trägt Schuhe, die Ich nicht kenne, die aber extra deutlich erwähnt werden.

Nach fünf Arbeitstagen brauche ich mein Wochenende. Samstagmorgen sattele ich mein Fahrrad, ziehe die Wanderschuhe an, die gut sitzende Jacke und fahre raus aufs Land. In den Wald und zu den Feldern. Das Fahrrad bleibt in einem Dorf und ich laufe in die Wildnis, wo Blätterrauschen den eigenen Atem beruhigt, wiegende Gräser die Augen entspannen, Nieselregen das Gesicht erfrischt und Kälte mich in Bewegung bleiben lässt. Die leere Hosentasche lacht über meine, nach dem Handy suchende Hand. Nach einer Weile beruhigt sich der Sturm in meinem Kopf. Es sind nicht mehr die Slogans, die ihre Kreise drehen, sondern es ist der Genuss der Farbnuancen einer Spätherbstlandschaft. Ein plötzliches unwirkliches Schneegestöber mit dunklen Wolken und Sonnenschein übertrumpft jedes Ding, das ich mir kaufen würde. Es vertreibt die faule Stimulationssucht meines Gehirns und setzt an diese Stelle Ruhe. Ich bin glücklich jetzt, auch weil ich endlich einmal wieder wirklich erschöpft bin.

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Flüchtlinge, Rechtsruck und Leistungsgesellschaft

Wie könnte es anders kommen? Diese Thematik ist so brandheiß und aktuell, dass ich mich dazu äußern möchte. Warum gehen tausende auf die Straße, um die Flüchtlinge loszuwerden und die aktuelle Politik zu kritisieren? Wir leben gerade in einer, von Konflikten heimgesuchten Zeit. Zum Glück bleiben wir momentan von Kriegen verschont. Allerdings bekommen wir die Folgen zu spüren, und die sind – da sollte man ruhig ehrlich sein – beachtlich. Die besorgten Bürger allesamt als Nazis abzustempeln, ist nicht der richtige Weg und unserer eigentlich nicht würdig. Wir glauben in einer aufgeklärten Gesellschaft zu leben, und sollten uns daher auch tiefgehender mit dem Problem beschäftigen. Auch wenn ich die Meinung von PEGIDA und Co nicht teile, muss ich zugeben, dass ich die Wurzel des Frusts verstehen kann. In diesem Artikel soll es um ebendiese Wurzel gehen.

Es ist wichtig, die Menschen mit ihrer Angst nicht allein zu lassen und als Nazis abzuschieben. Schauen wir uns doch mal die Sache genau an.

Wenn in einem Dorf mit, sagen wir einmal, achthundert Einwohnern, ganze sechshundert Flüchtlinge unterkommen sollen, dann ist das für die Dorfgesellschaft ein Trauma. Ganz klar. Das sollte man nicht ignorieren. Es ist ganz klar, dass sich in diesem Ort Einiges verändern wird. Die Frage ist nur, welcher Natur diese Veränderung sein wird. Wenn der Staat weiter investiert und die Integration unterstützt – und zwar nicht zu knapp, dann kann dieser Kulturschock in etwas sehr Positives verwandelt werden. Natürlich haben die Bürger Angst, wie es weitergeht, wenn der Ort auf einmal fast doppelt so viel Einwohner hat. Und genau dieser Unsicherheit bedienen sich die Intriganten aus der rechten Nische.

Aber schauen wir uns die Sache in den Städten an. Kürzlich fand in Potsdam Babelsberg eine Informationsveranstaltung über die Unterbringung von sechsundneunzig Flüchtlingen statt. Die Stimmung war wohl sachlich, aber es gab auch sehr viel Murren. Besonders ein Gespräch mit meiner Nachbarin hatte mich schockiert. Ich hielt sie eigentlich für recht aufgeschlossen. Doch in diesem Gespräch offenbarte sich eine höchst verbitterte Frau, mit der kaum noch vernünftig zu sprechen war. Ich gehe hier nicht ins Detail, es kamen die üblichen, sich zum Teil widersprechenden Argumente. Meinen Ausführungen wurde gar nicht erst Gehör geschenkt. Auf die Frage hin, was man denn dagegen tun solle, die Menschen kämen nun einmal her. Ob man sie denn an der Grenze erschießen solle, verneinte sie, bot mir keine Alternative an und wetterte kurz darauf weiter. Gegen die Kinder habe sie ja nichts. Es ging um ganze sechsundneunzig Flüchtlinge in einem Stattteil mit vielen tausend Einwohnern, wohlgemerkt.

Die Verbitterung sitzt selbst bei Jenen tief, die gar nicht direkt betroffen sind. Woher kommt das? Dass sechsundneunzig Menschen tausende Babelsberger, und auch völlig Unbeteiligte bedrohen sollen, ist natürlich absurd. Es geht ums Geld – wie immer. Aber es geht nicht nur darum. Es geht auch um Zeit.

Argumente der Art „Ich lebe mit meinem Sohn von 400 Euro, und die kommen hierher und kriegen Alles umsonst.“ Sind zum Einen offensichtlich übertrieben, wenn die Miete diesen Betrag allein schon schluckt, aber zum Anderen sind sie ein wichtiger Hinweis. Es gibt so viele Menschen, die vierzig Stunden (und mehr) in der Woche arbeiten, und am Ende des Monats jeden Cent umdrehen müssen. Dazu kommt, dass eine Arbeitsstunde heutzutage wesentlich mehr Arbeit und Stress enthält, als noch vor zwanzig Jahren. Ein Beispiel sind die optimierten Schichten auf Pflegestationen, in denen immer weniger Mitarbeiter für immer mehr Patienten zuständig sind. Die Menschen schuften sich also immer mehr kaputt und das Geld reicht geradeso aus, und wenn nicht, muss man dem Wohngeldbescheid widersprechen, bis man dann irgendwann doch etwas bekommt. Mit einem Gefühl des Versagens, versteht sich. Wenige können sich ihre Träume erfüllen, selbst, wenn es kleine Träume sind. Die Wirtschaft will wachsen und wachsen, obwohl wir wesentlich mehr produzieren, als wir brauchen. Es wird optimiert und optimiert. Häufige Krankmeldungen und Burn-out sind die Folgen. An dieser Stelle muss ich Das hervorragende Buch von Patrick Spät anführen: „Und was machst Du so? – Eine fröhliche Streitschrift gegen den Arbeitsfetisch.“, dessen Inhalt mir diese Perspektive erst erlaubt. Ein denkwürdiger Punkt in Herrn Spät’s Buch war das Argument, dass für jeden Roboter und für jedes Computerprogramm, welches ArbeiterInnen ersetzt, keine Lohnsteuern mehr gezahlt werden, obwohl der Gewinn mindestens gleich bleibt. Dadurch wandert Geld vom Staat in die Geldbörsen der Firmen und der Manager. Eine Gewinnmaximierung auf extreme Kosten der Menschen, denen durch Medien und Mitmenschen ein schlechtes Gewissen eingeredet wird, wenn sie dem Druck nicht mehr standhalten und eine Pause brauchen. Aber der Staat ist mittleiweile so sehr auch Interessenwahrer der Wirtschaft, dass er einen Teufel tun wird, dies zu ändern. Auf der Strecke bleibt nur die Menschlichkeit.

Warum wundert es uns eigentlich, dass Die Leute keine Flüchtlinge hier wollen? Sie haben mitunter Angst, dass die Zustände noch schlimmer werden. Es ist zum Teil Neid, dass Asylsuchende derart unterstützt werden, wenn sie selbst mit dem hart erarbeiteten Geld kaum auskommen und es Jahre her ist, dass sie selbst bereitwillig unterstützt wurden? Mit Bereitwilligkeit ist die Atmosphäre auf dem Arbeitsamt nicht zu beschreiben. Und Jeder wird in seinem Berufsleben das ein oder andere Mal dorthin müssen.

Herr Spät führt in seinem Buch äußerst gewissenhaft Quellen verschiedenster Art an. Die Gesellschaft könnte es sich demnach leisten, den sechs-Stundentrag bei voller Bezahlung einzuführen – und noch viel mehr. Der Staat könnte dafür sorgen, dass es keine steuerlichen Nachteile hat, drei Sechsstunden-Stellen zu besetzen, statt zwei achtstunden-Arbeiter zu verheizen. Man hört immer wieder von Konzepten wie Grundeinkommen und Co. Aber die Entwicklung scheint nur sehr träge voranzugehen. Es gibt Kräfte, welche die momentanen, unmenschlichen Verhältnisse beibehalten wollen. Diejenigen, die viel haben, wollen wenig verlieren und noch weniger teilen. Jedes System hatte bisher sein Ende, und es wird mit diesem, sich selbst verzehrenden Wachstums- und Konsumzwang nicht anders sein.

Ein Mensch, mit weniger Geldsorgen und mehr Zeit, seine Interessen zu pflegen, Langsamkeit zuzulassen und die Kinder mal etwas früher aus der Kita holen zu können, ist ein wesentlich zufriedenerer Mensch. Damit wäre er sicher auch um Längen toleranter und würde den beschränkten Argumenten rechter Kräfte weniger Gehör schenken.

Ich finde es schade, dass die Piratenpartei, mit dem Grundeinkommen im Programm, sich selbst von der Bildfläche geschoben hat. Aber leider wäre es wohl auch so, dass die Meisten immer noch glauben, so etwas wäre nicht möglich. Es ist wohl genau das, was sie glauben sollen, so scheint mir.

Die Gesellschaft hat den Zweck eine Heimat für Menschen zu sein. Wir sollten dafür sorgen, dass dies wieder vermehrt der Fall ist. Es wird Zeit, dass die Errungenschaften dieser Zeit auch in die Taschen der Menschen fließen, und zwar nicht in Form von Smartphones oder Streaming-Abos, sondern in Zeit und Sicherheit neben der Arbeit. Wenn ihr also auf die Straße gehen wollt, kämpft doch gegen diese Wirtschaftsdiktatur nicht gegen Frauen, Männer, oder kleine Kinder mit Kullertränen und gepunkteten Socken. Wenn dies Euer Anliegen wird, werte besorgte Bürger, werde ich mit euch gehen, um meiner Sorge um die Menschlichkeit Ausdruck zu verleihen. Und niemand wird euch mehr Nazis nennen.