Gedankenverschmutzung und digitale Identität

Es gibt viele absurde Verschwörungstheorien, die behaupten, wir alle werden irgendwie manipuliert und von Denen beeinflusst, Dinge zu tun, auf die wir selbst nicht gekommen wären. Es gibt jedoch auch reale Versuche: Bei der Werbung gilt das Kredo der Manipulation. An dieser Stelle muss hier festgestellt werden, dass Werbung prinzipiell etwas Positives ist. Ohne sie hätten Firmen kaum eine Chance, auf sich Aufmerksam zu machen, geschweige denn, neue Produkte anzupreisen.

Doch wie weit darf dieses Anpreisen gehen? Wie suggestiv darf die Manipulation sein, und die zentrale Frage in diesem Artikel: Wie viel darf es davon geben?

Besonders im Internet blühen die kostenlosen Plattformen, die sich offiziell nur durch Werbung finanzieren. Dementsprechend hoch ist das Aufkommen der Werbung. Überhaupt scheint Werbung gerade das Geschäft im Internet zu sein. Es war nie leichter, dem Nutzer persönlich zugeschnittene Anzeigen darzureichen. Webseiten schreien an den dicken Rändern in Signalfarben, um die Aufmerksamkeit potentieller Kunden zu wecken, manche Kurznachrichten sind nur unscheinbar mit kleiner Schrift als „Gesponsert“ markiert. Gerade gelesene Texte werden mit Bildern oder Nachfragen überlagert. Man ist einen Großteil der Zeit und der eigenen Aufmerksamkeit im Netz allein damit beschäftigt, etwas wegzuklicken, zu ignorieren, oder frustriert die Seite im Smartphone noch einmal zu öffnen, weil das bunte Popup nicht zuging. Besonders das private Fernsehprogramm mutet zum Teil als eine Maschine an, deren einziger Zweck die Konsumindoktrination der Zuschauer ist.

Dies ist allerdings (unter Ausnahmen) vertretbar, wenn das Angebot kostenlos ist. Es ist nicht wirklich umsonst, wir bezahlen sehr wohl dafür. Die Währungen heißen Zeit, Frust, Datenvolumen und Konzentration. Nicht zuletzt unsere persönlichen Daten mit denen gehandelt wird, um die es aber hier nicht vorrangig gehen soll.

Was allerdings nicht vertretbar ist, ist Werbung die einem präsentiert wird, wenn man sich Werbung anschauen möchte. Ein gutes Beispiel sind hier die Anzeigen vor Film- oder Spielvorschaufilmchen (Trailer). Wir zahlen dabei also im Grunde die Werbung für den Herausgeber, um dann im Kino teilweise horrende Preise für den tatsächlichen Film zu zahlen, nachdem wir die Karten auf einer, völlig mit Werbung überfrachteten, Kinowebseite reserviert hatten.

Der Werbeempfänger wird dadurch zum überreizten Goldesel für die, mittlerweile zahlreichen, Werbeagenturen, die sich so ein großes Stück vom Kuchen des Endverbrauchers und des Produzenten einfordern. Es scheint, zum Teil, kaum noch auf das Produkt anzukommen, solange die Werbung stimmt, und die Qualität der Ware wenigstens ausreicht (gehypte Produkte).

Der, in der freien Marktwirtschaft, nur unzureichend gepflegte Wildwuchs nimmt mittlerweile viel Raum ein. Sicher liegt das auch daran, dass unser Netz ein internationaler Raum ist, und noch immer keine internationale Behörde dafür existiert. Wenn die Firmen zu viel Werbung betreiben, so dass sich der Kunde prozentual immer weniger davon merken kann, baut sich eine Blase auf, an der nur die Werbeagenturen verdienen und besonders kleinere Firmen und die Endverbraucher die (überforderten) Verlierer sind.

Eine Möglichkeit dagegen anzugehen wäre, das Maß der Werbung per Gesetz zu begrenzen. Doch wie definiert man dieses Maß? Was ist da Entscheidend? Die Größe der Anzeige auf der Webseite, die Farbwahl und der Kontrast zum eigentlichen Inhalt? Diese Vorgehensweise würde so sehr an den individuellen Empfindungen der Menschen vorbeigehen, wie sie an der Freiheit der Marktwirtschaft kratzt, welche zu Recht kritisiert, aber nur wegen der Werbung wohl nicht einfach veränderbar ist.

Da es jedoch Gesetze zum Erhalt der Umwelt gibt, meine ich, sollte es auch welche zum Schutz gegen Gedankenverschmutzung geben, denn nichts Anderes ist dieses Ausmaß der Werbung.

Jede Werbung enthaltende Internetplattform, sollte ihre Dienste auch werbefrei gegen eine monatliche Gebühr anbieten müssen. Diese Gebühr muss den Werbeeinnahmen pro Kopf und Zeitraum entsprechen – also eigentlich recht niedrig sein. Der Nutzer hat so die Wahl, zwischen der kostenlosen, Reizüberflutung, und der, nur mit Geld bezahlten, bodenständigen Variante. Diese Bezahlvariante muss leicht, kurzfristig und übersichtlich kündbar sein. Außerdem dürfen Nutzer nicht für Werbung von Konsumproduzenten aufkommen müssen, sei es durch Geld oder mentale Kosten (z.B. Werbung vor Filmtrailer).

Dieser Ansatz hat noch ein paar Haken, die jedoch behandelbar sind.

Zum Einen stellt sich die Frage, ob man für jede Internetseite, die man werbefrei genießen möchte, ein eigenes Benutzerkonto braucht, um sich zu identifizieren und die Bezahlung abzuwickeln. Der persönliche Aufwand wäre zu hoch und würde den Nutzer dazu verleiten all die Passwörter in einen potentiell unsicheren Passwort-Save oder Browser-Passwortspeicher abzulegen. Oder Noch schlimmer, immer dasselbe Passwort zu benutzen („1234“).

Der OpenID-Ansatz ist hier fast passend. Ein Benutzerkonto für Alles. Zumindest dem Anschein nach. Dieses darf nicht von wirtschaftlichen Unternehmen verwaltet werden, wie es bereits bei mindestens einem großen Versandhändler oder sozialem Netz der Fall ist. Daten sind schützenswert, und sollten daher  eher von einer unabhängigen Behörde verwahrt werden. Jedes dieser Nutzerkonten sollte in Unterkonten aufgegliedert werden können, welche Außenstehende nicht miteinander in Beziehung bringen können. Dieser Nutzerauthentifizierungsdienst müsste gleich eine Bezahlfunktion nach außen hin kapseln. Der Nutzer meldet sich mit seinem Stammpasswort an, doch an die Webseite wird die, dafür vorher ausgewählte Unter-ID geliefert. Eine Pflicht für Internetplattformen, diese behördliche Nutzerverifikation zusätzlich neben herkömmliche Nutzerregistrierung anzubieten, wäre ein wichtiger Schritt bei der Umsetzung. Natürlich besteht dabei die Gefahr, dass genau diese Nutzerdaten dann vom Staat extrahiert, und missbraucht werden. Wer sich heutzutage ein Auto oder ein Kanu leiht wird jedoch ebenfalls seinen Personalausweis vorzeigen müssen. Auch ein Zeitungsabonnent gibt seine Daten an den Verleger heraus. Von dort ist es bereits heute nicht mehr weit, bis zur geheimdienstlichen Einsicht in die Kundendaten. An irgendeiner Stelle kommen wir immer an den Punkt der Staatseinsicht. Wenn der Staat die eigenen Daten hält, ist dies das wohl geringere Übel, als wenn dies Unternehmen tun, und diese Daten ausschlachten. Trotzdem  müsste man eine solche beschriebene Netzbehörde strengen Kontrollen aussetzen, um sie soweit wie möglich unabhängig zu machen. Die Unabhängigkeit sollte der einer nicht-staatlichen Organisation (NGO) entsprechen, aber durch den Staat finanziert werden.

Als weiteren Haken könnte man die Begünstigung des Zwei-Klassen-Internets anführen. Dieser Vorwurf löst sich jedoch in Luft auf, sobald man sich klar macht, dass diese besagten kostenlosen Plattformen in den Konkurs gehen würden, wenn sie die Werbung nicht hätten. Jedes wirtschaftliche Unternehmen muss Einnahmen generieren, um zu überleben. Darüber hinaus sollte die Gebühr für Werbefreiheit relativ niedrig ausfallen, wenn sie auf der Höhe der Werbeeinnahmen pro Kopf liegen soll. Interessant dabei ist auch, dass der Bürger endlich einen Vergleichswert bekäme, wieviel ein Unternehmen pro Kunde durch Werbung verdient.

Das größte Hindernis ist die grenzübergreifende Natur des Internets. Oder vielmehr die Tatsache, dass bisher keine international bemächtigte Behörde in dieser Sache existiert. Wenn in Deutschland ein solches Konzept umgesetzt wäre, müssten sich werbegestützte Plattformen nur Standorte außerhalb unserer Lande (wo sie meist bereits sitzen) zurückziehen, deutsche Nutzer können sie weiterhin nutzen.

Eine Lösung dieses Problems bestünde darin, diese Vorgaben international durchzudrücken, jedes, am Internet teilnehmende Land verpflichten, sie zu erfüllen. Dies ist wohl besonders schwierig zu erreichen und erfordert einen Konsens der Regierungen.

Auch möglich wäre das Blockieren von Internetplattformen im Land, welche die Auflagen nicht erfüllen. Dies wird wohl mit dem Freiheitsgedanken nicht vereinbar sein, auch wenn die Freiheit durch die Werbefreiheitsoption selbst nicht beschränkt, sondern wohl ihre Qualität erhöht wird. Eine Bezahlfunktion gekoppelt an eine behördliche Nutzerauthentifizierung sollte für jede Internetplattform umsetzbar sein, sofern sie gut dokumentiert und ausgereift ist, bzw. gepflegt wird.

Ein erster großer Meilenstein ist das Aufsetzen der erweiterten OpenID-artigen Nutzerauthentifizierung. Erst wenn diese Infrastruktur geschaffen ist, ob nun durch eine staatliche oder internationale Organisation, gibt es die Möglichkeit auch gegen die Masse der Werbung sinnvoll anzugehen. Dies würde geschehen, ohne die Unternehmen einzuschränken, da deren Verdienst gleich bliebe, und  Vorteile für die Nutzer – ihren Kunden – hinzukämen. Im Grunde wäre dies auch für die Unternehmen selbst eine positive Entwicklung, da sie so befähigt werden, dem Kunden einen qualitativ besseren Eindruck ihres Dienstes zu vermitteln, wenn nicht auf jedem freien Bildschirmpixel eine Werbung abgespielt wird.

Das Wichtigste an der eben genannten Organisation ist, dass sie in erster Linie für die Menschen gemacht sein sollte. Es geht um Dateneigentum und Erhaltung der Anonymität im Netz gegenüber Internetdiensten und auch dem Staat selbst. Wie bereits beschrieben, bietet sich dem Staat schon heute die Möglichkeit Kundendaten von Firmen einzufordern. Nur unter den, dafür notwendigen Voraussetzungen sollten, von der genannten Internetbehörde, Nutzerdaten abgefragt werden dürfen. Außerdem ist es wichtig, dass sämtliche Daten auch für die Organisation unlesbar verschlüsselt und nur mit dem Nutzerpasswort einsehbar sind (Kontodaten, Verbindungen zu Unter-Identitäten, etc.)

Da meine Daten bereits zu Hauf im Umlauf sind, ohne, dass ich es kontrollieren kann, würde ich mich über eine unterstützende Infrastruktur freuen. Auch wenn sie durch die steuerliche Finanzierung letztlich ein Teil des Staatsapparates wäre, glaube ich, dass die Daten durch Kontrollinstanzen besser geschützt wären, als sie es heute sind. Zudem käme auf den Nutzer eine Vereinfachung für Bezahlvorgänge, eine größere Übersicht über eigene Nutzerkonten und teilweise anonymisierten Unteridentitäten  zu.

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Das Schlaraffenland ist tot, lang lebe das Schlaraffenland.

Wer kennt sie nicht, die Geschichte vom Schlaraffenland? Wo Flüsse voller Milch und Honig fließen und gebratene Hühner direkt in die Münder, der nie hungernden Menschen fliegen. Eine Geschichte, die zweifellos die existentiellen Ängste der Menschen anspricht. Zurzeit ist diese Geschichte jedoch fast in Vergessenheit geraten. Warum? Vielleicht leben wir bereits in einer Art Schlaraffenland. Zumindest in den westlichen Industrienationen ist das Thema Essen eigentlich kaum noch relevant. Jedenfalls nicht das Satt-Werden an sich. Natürlich gibt es immer noch Menschen, die in großer Armut leben. Die Meisten jedoch, können sich alles zu Essen kaufen, was sie brauchen. Und noch mehr. Mikrowellen und Fast Food liefern uns tatsächlich das fertige Essen, nur in den Mund fliegen kann es noch nicht. Ob es nun gesund ist, sei hier mal vernachlässigt. Sicher ist dieser Traum eine Flucht vor den Nöten in einer nahrungsknappen Zeit.

Während Kriegen und Hungersnöten gewinnt die Bedeutung des Traumes vom Schlaraffenland sicher wieder stark an Einfluss. Doch wir, die wir quasi darin leben, wissen, dass es mehr braucht. Ein sorgloses Leben allein stellt uns nicht zufrieden. Es braucht auch eine gewisse Spannung. Nicht dass wir ein sorgenfreies Leben haben. Nein, wir sind weit davon entfernt. Wir zahlen Rechnungen, kriegen Mieterhöhungen und das Benzin wir teurer. Die Probleme sind heute einfach anders. Hoher Stress im Alltag durch den Leistungsfokus der Gesellschaft bereits in Kindergärten und Schulen, Optimierung der Arbeitskräfte für die globale Konkurrenzfähigkeit der Unternehmen und niedrige Renten. Wie die Hungernden in das Schlaraffenland flüchten, flüchten wir woanders hin. Wir flüchten an einen Ort, an dem die nächste Abrechnung ihre Bedeutung verliert, an dem das Einzige, was mit einer Deadline beschrieben wird, wirklich der Tod ist. Dort gibt es keinen Verkehrslärm, keine Versicherungsbeiträge, und weniger Menschen. Wesentlich weniger Menschen. Es gibt kein Wasser aus der Leitung und keinen Strom. All das, was uns in den Städten von der Natur abschneidet gibt es dort nicht mehr. Wir sind genötigt, wieder mit elementaren Gefühlen wie Kälte und körperliche Erschöpfung umzugehen. Wir schaffen wieder Dinge mit unseren Händen, anstatt virtuell Bits und Bytes hin- und herzuschieben. Wir brauchen dafür keine besondere Ausbildung, oder Empfehlungsschreiben. Geld spielt dort sowieso keine Rolle. Es ist das Schlaraffenland 2.0, welches sich seit Jahrzehnten zu einem Kult entwickelt hat. Regelmäßig lassen sich Menschen in diese Welt fallen. Die Rede ist hier von der Zombieapokalypse. Es gibt eine deutliche unbewusste Sehnsucht danach. Die Illusion, einer der wenigen Überlebenden zu sein, ist natürlich unrealistisch. Der Überlebensprozess als solcher ist jedoch gerade das Interessante daran. Es gibt so viele Geschichten, Filme oder Computerspiele, und immer ist das Interessanteste der erste Teil. Jener Teil, in dem unsere überlebende Person durch einen guten Instinkt (oder einfach nur Glück) die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Natürlich ist so ein Zombie an sich kein Heilsbringer. Er ist eben die Würze, die dem Schlaraffenland fehlt. Zombies sind darüber hinaus sehr einfach. Meist nur in Horden gefährlich, lernt unser Protagonist schnell, wie so ein Zombie auszuschalten ist. Er ist auch unwiderruflich böse. Man muss sich keine Gedanken machen, wenn man ihn tötet. Noch interessanter ist das elementare Gefühl, dass diese Bedrohung verursacht. Wir müssen leise sein, auf dem Boden kriechen, feuchte Erde riechen. Alles um möglichst unbeschadet zu überleben und unentdeckt zu bleiben. Es geht zurück zum rein körperlichen Überleben unserer Träumer, die in Wirklichkeit nur Zahlen und Anträge vor sich haben. Es wäre ein Lebensstil, der uns von Gesundheitsexperten empfohlen wird, aber aus Zeitmangel unrealistisch ist. Viel Bewegung, weniger Essen und Natur genießen.

Wir müssen nur andere Häuser nach Nahrung durchsuchen und wissen jedes kleine Ding zu schätzen, dass wir finden. Wir aus unserer Ding-vollen Konsumgesellschaft freuen uns nach dem Ende der Welt wie kleine Kinder über Benzinkanister, Fackeln, Getreidesamen oder einfach nur ein gut erhaltenes Taschenmesser. Gute Kleidung wird nun durch praktische Werte klassifiziert, nicht durch Namen und Preise. Man braucht nur etwas Glück und kann überall Alles finden. Diese Dinge schlaraffen sozusagen vor sich hin. Ist der erste Hunger gestillt, der Rucksack mit allem Nötigen gefüllt, ist der Träger stolz und es durchfließt ihn tiefe Zufriedenheit, angesichts des nackten Überlebens und der strafferen Muskulatur. Zeitgleich wird die nächste Phase der Geschichte eingeleitet. Der Fokus verschiebt sich in Richtung Langzeitversorgung. Unser Träumer ist vielleicht Teil einer Gruppe und es wird ihm bewusst, dass irgendwann alle Häuser geplündert und alle Konservendosen geleert sind. Es geht nun darum, sich Gedanken über Nahrungsanbau und Jagd zu machen. Immer noch sehr elementar. Keine Zahlen oder Anträge. Es werden Stunden und Tage nur im Wald  oder auf Feldern verbracht. Die frische Luft wird geatmet, man spürt den Wandel der Jahreszeiten und den morgendlichen Nebel. Es wird Alles mit den eigenen Händen geschaffen, dessen Resultate man unmittelbar selbst zu spüren bekommt, und nicht irgendein Werbetexter am anderen Ende der Welt. Keine Termine, nur das Überleben ist wichtig.

In dieser Phase stellen die Zombies nur noch gelegentlich eine Bedrohung dar. Eigentlich kann man mit ihnen inzwischen schon sehr routiniert umgehen. Der eigene Unterschlupf nimmt immer mehr Form an, die Fenster sind vernagelt, und Feuerholz gibt es genug. Auch darauf kann man sehr stolz sein. Es fallen keine Raten an.

An dieser Stelle sollte die Fantasie aufhören, aber die Geschichten gehen meist weiter. Die Menschen raufen sich zusammen und bauen kleine Siedlungen wieder auf. Es mangelt an immer weniger Dingen. Früher oder später geht der kleinen Gruppe die Erkenntnis auf, dass Zombies nicht die größte Bedrohung in dieser Welt sind: es sind andere Menschen, die sich skrupellos im rechtsfreien Raum bewegen. Dadurch wird zwar noch einmal die Spannung ordentlich erhöht, eine Geschichte braucht so etwas wohl eben. Aber in dieser Phase ähnelt der Traum wieder mehr unserer wirklichen Welt. Es bekriegen und streiten sich Menschen auf das Heftigste. Es gibt Intrigen und Verrat. Das hat nichts mehr mit einem Traum zu tun. Es ist lediglich das Resultat dessen, was herauskommt, wenn man die Geschichten zu Ende denkt. Anführer werden zu Politikern und argumentieren. Die Sache verkompliziert sich und ist eigentlich kaum noch eine Flucht aus unserer Welt wert. Natürlich ist unsere Gruppe siegreich und führt den Aufbau der neuen Welt immer weiter voran. Eine Welt die leider immer mehr unserer Wirklichen gleicht.

Natürlich werden das nicht alle Menschen so sehen. Ein gewisser Teil, der vielleicht mit unserer abgestumpften Konsumgesellschaft nicht so gut klarkommt, könnte diese Fantasie jedoch als Gedankenflucht nutzen. Auch wenn die Vorstellung der Zombieapokalypse nicht erstrebenswert und natürlich schrecklich ist, entbehrt sie, trotz des ganzen Horrors und der Gewalt, nicht einem gewissen Reiz. Eine Manifestation des unbewussten Wunsches, wieder echter, elementarer fühlen zu können. Da unsere Gesellschafft jedoch relativ unveränderlich ist, muss man sich in Gedanken nun einmal einen heftigen Grund einfallen lassen, warum sich die Welt ändern muss.

Vielleicht ist das Schlaraffenland immer gerade jener Traum, in den die Menschen ihrer Zeit gedanklich flüchten. So wie es die Filme der 50er und 60er Jahre waren, für die schwere Zeit des Aufbaus nach dem Krieg und die vielen Trümmerfamilien. „Schnulzen“ wie mein Vater sagen würde. In denen zum Schluss für alle Beteiligten immer alles ins Lot kommt. Auch wenn es nur durch Heintjes Stimme passiert.

feuer

Der Konsum und sein Superlativ

Der Wecker klingelt leise und ich beschließe aufzustehen, taumele in die Küche, fülle den Wasserkocher und stelle ihn an. Nachdem ich mich angezogen habe, gieße ich die Tasse auf. Ich lasse dabei immer wieder Wasser über den Beutel laufen, um zu verhindern dass er schwimmt. Im Radio präsentiert ein großer Baumarkt ein neues Konzert Im Olympiastadion, und der Wetterbericht wird von einem Pflanzenmarkt unterstützt. Gedankenversunken sitze ich am Tisch und schmiere mir mein Mittagsbrot, nachdem ich mir etwas zum Frühstück gegönnt hatte: Ein Brot mit Zuckerrübensirup und Butter. Beim Schürsenkel binden auf dem Flur kommt der Kater der Obermieter vorbei. Ich halte die Hand über seinen Kopf, und er springt, um sich daran zu schmiegen. Ich kraule seine Ohren und verlasse ihn dann. Die Wanderschuhe sitzen und die Jacke fühlt sich angenehm an. Ich habe Lust auf eine Wanderung. Schließlich trete ich aus dem Haus. Ich grüße den Nachbar und schließe mein Fahrrad auf. Beim Abbiegen auf die Hauptstraße verlasse ich meine Welt und werde in den lauten Stadtmorgen gezogen. Mein Inneres spannt sich und wird mitgerissen. Ich überlege, was ich heute auf der Arbeit machen wollte. Als es mir einfällt hat mich der Tag gepackt. Gedankenschweifend verbringe ich den Rest der Fahrt. Busse fahren los, Ampeln schalten und auf der Brücke schaue ich sehnsüchtig, ob sich Nebel auf dem Wasser gebildet hat. Autos mit Aufschriften überholen mich und unzählige Werbeplakate schreien immer bunter nach Aufmerksamkeit. Nachdem ich meine Kollegen begrüßt habe, der Rechner läuft und der nächste Pfefferminztee auf dem Schreibtisch steht, beginne ich meine Arbeit. Das Büro füllt sich langsam und dabei wird es immer lauter. Die Kopfhörer liegen vorbereitet am Notebook und ich übertöne die Störungen mit Musik. Beim Recherchieren oder auch Wartezeiten-Füllen blinken mich Werbeanzeigen an, mit Dingen die ich kaufen könnte und Präsentationen, wie toll sie doch wären. Das beste Netz, Diäten für das Verlieren von 5 Kilogramm in einer Woche. Die größte Musik-Streamingplattform, Trailer für den besten Bond aller Zeiten und DVDs, nein, Entschuldigung, BlueRays für den letzten Transformers-Film. In dem noch größere Riesenroboter mit noch heftigeren Waffen die Erde vor einer noch größeren Bedrohung retten. Nebenbei unterbricht „Spotify free“ die Soundwiedergabe und spielt ebenfalls eine Werbung ab. Ich setze die Kopfhörer ab. Da ich gerade etwas Wartezeit habe, lechzt mein Gehirn nach weiterer, schnell verfügbarer Stimulierung, ohne sich anstrengen zu müssen. Ich schaue bei einem großen Online-Versandhändler nach der Kamera, die ich mir vielleicht kaufen werde. Ich habe bereits eine Kamera, und ich habe viele Fotos. Keines davon hängt an der heimischen Wand. Die neue Kamera kann die Objektive wechseln und Vieles ist manuell einstellbar. Da ich sie mir schon einige Male angeschaut habe, taucht sie in der Werbung immer wieder für mich auf. Den Abend lasse ich heute vor dem Fernseher ausklingen. Ich schaue ein wenig Star Trek und um acht Uhr kommt ein Film. Wieder Werbung. Je größer der Fernseher, desto größer auch die Werbefläche. Der Abend verkommt dadurch zum Einheitsbrei. Um die Werbung zu überspringen, schaue ich derweil auf mein Telefon und entdecke gesponsorte Nachrichten im sozialen Netz. Die Hauptfigur des Films fährt das neueste Modell einer bekannten Automarke und trägt Schuhe, die Ich nicht kenne, die aber extra deutlich erwähnt werden.

Nach fünf Arbeitstagen brauche ich mein Wochenende. Samstagmorgen sattele ich mein Fahrrad, ziehe die Wanderschuhe an, die gut sitzende Jacke und fahre raus aufs Land. In den Wald und zu den Feldern. Das Fahrrad bleibt in einem Dorf und ich laufe in die Wildnis, wo Blätterrauschen den eigenen Atem beruhigt, wiegende Gräser die Augen entspannen, Nieselregen das Gesicht erfrischt und Kälte mich in Bewegung bleiben lässt. Die leere Hosentasche lacht über meine, nach dem Handy suchende Hand. Nach einer Weile beruhigt sich der Sturm in meinem Kopf. Es sind nicht mehr die Slogans, die ihre Kreise drehen, sondern es ist der Genuss der Farbnuancen einer Spätherbstlandschaft. Ein plötzliches unwirkliches Schneegestöber mit dunklen Wolken und Sonnenschein übertrumpft jedes Ding, das ich mir kaufen würde. Es vertreibt die faule Stimulationssucht meines Gehirns und setzt an diese Stelle Ruhe. Ich bin glücklich jetzt, auch weil ich endlich einmal wieder wirklich erschöpft bin.

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