Vom Klebenbleibenwollen

Was mache ich hier eigentlich? Ich sitze auf meiner 2-Sitzer-Couch und starre auf das Telefon. Die vielen Videos verkommen zum Einheitsbrei. Ich wollte vorhin raus. Fahrrad fahren. Doch meine Kinder sind gerade draußen und haben keinen Schlüssel dabei. Wenn ich weg bin, kommen sie nicht rein. Und warum auch Fahrradfahren. Einfach nur so? Eine Runde um die Dörfer? Ohne Sinn und Zweck? Der Bauch protestiert und ja, ganz sinnlos wäre es nicht. Aber notwendig auch nicht. Man muss nicht zur Arbeit radeln und auch nicht abends zum Konzert.

Die Wege hier sind mir schon bekannt, weshalb spazieren jetzt auch nicht so überzeugend klingt.

Eine Foto-Tour wäre vielleicht etwas. Vielleicht sehe ich heute einen Regenbogen, oder eine Bisamratte. Dann schieße ich ein paar Bilder und lade sie hoch. Zu den anderen Millionen Regenbogen- und Bisamratten-Fotos. Nee, lass mal.

Einkaufen? Meh. Müsste ich nen Test machen. Und Geld is grad auch nicht so viel da. Miete halt.

Heute morgen hatte ich einen Traum. Ich war mit den Kids im Urlaub auf dem Land. Abends am See lief mir meist eine tolle Frau über den Weg. Wir unterhielten uns. Es fühlte sich schön an. Dann kam ein alter, damals unerreichter Jugendschwarm in den Ort. Sie schien sich mir annähern zu wollen, und so ging ich darauf ein. Es war aber nur in den ersten Stunden schön. Danach gab es ständig Streit. Ein paar Tage später dankte ich ihr für den schönen Anfang, doch so könne das nicht weitergehen. Ich verabschiedete mich. Mir war klar, dass die tolle Frau vom See nun auch Vergangenheit war. Wer wird schon gern zur Seite gelegt. Also aufgewacht und alles wie bisher.

Morgens machte Frühstück und danach gingen die Kinder ans Werk. Diese Woche müssen sie zuhause lernen. Nicht schön. Nur der blöde Anteil der Schule. Ohne andere Kids, spannende Streits und Dramen. Ich habe pandemiebedingte Kinderkranktage genommen. Immer Dienstags bis Donnerstags. Da fühle ich mich meist so wie heute. Keine Kraft für Nichts. Montags und Freitags bin ich dann überfordert, vom Arbeiten mit Kinderbetreuung. Darum soll es ja eigentlich hier nicht gehen.

Was tun? Ist dies das Leben? Ständig durch Medien eingetrichtert zu bekommen, etwas Besonderes machen zu müssen, wie die anderen, und es dann aber nicht tun? Außer ein paar belanglose Fotos hochladen, oder den viermilliardsten Blogeintrag veröffentlichen? Serien schauen oder Spiele spielen, die sich andere ausgedacht haben, nur um sich nicht zu langweilen – um die Zeit im wahrsten Sinne zu vertreiben? Die ganze Zeit mit den Köpfen anderer denken, statt selbst etwas zu tun?

Ab und zu mal auf eine Demo und sich auf die Schulter klopfen?

Bienen züchten? Wein gähren? Bier brauen? Ein Haus bauen? Schrebergarten pflegen? Als einer von 80 Millionen genau das Gleiche tun, fühlt sich verdammt deprimierend an.

Der Nachteil an einer überfüllten Welt, ist, dass es so viele gibt, die das schon gemacht haben, die Fotos schon geschossen haben, die Erfahrungen schon teilten. Wozu also überhaupt den Allerwertesten bewegen?

Die Kids sind jetzt wieder hier. Ich werde wohl einen Spaziergang machen, wie immer. Oder vielleicht doch eine Fahrradtour? Ich bin so unterstimuliert, das es fast lustig ist.

Kinder zu zeugen und aufzuziehen hat ja schon sehr viel Sinn, zumindest aus biologischer Sicht. Aber ist es das schon? Auch vor der Pandemie: Was möchte ich mit meinem Leben anfangen? Ich bin bald 40 Jahre auf diesem Planeten und kann eigentlich keinen roten Faden erkennen. Kein durchgehendes sinnstiftendes Hobby. Keine dauerhafte Zufriedenheit im Job. Was ist da los? Sind Hobbies nur eine Erfindung der Wirtschaft? Bin ich schon so tumb, dass ich nicht spüre, was ich brauche? Ist das Streben danach, etwas Glücklichmachendes zu tun nur indoktriniert? Sollte ich froh sein, Essen und ein Dach zu haben, und sonst nur die Zeit hier absitzen?

Im ersten Lockdown wusste ich noch, dass die Schwere, die sich auf mich legt, von außen kommt. Aufgestülpt von den wenigen Kontakten, dem schlechten Gewissen, wenn man seine Freunde umarmt, und dem Abstandhalten. Damit konnte ich umgehen mich distanzieren, es kam ja von außen. Heute, über ein Jahr später, bin ich mir nicht mehr so sicher. Die Grenze zu meiner Psyche wird durchlässig. Mentale Schärfe gibt es schon lange nicht mehr, eher Vergesslichkeit und Konzentrationsschwäche. Brei im Kopf.

Eigentlich würde ich gerne alles hinschmeißen. Möchte meinen Kids aber ein gutes Leben gewähren. Schließt sich wohl aus. Was wohl rauskäme, wenn ich es trotzdem täte? Nach 4 Wochen zocken wäre ich wohl an dem gleichen Punkt wie jetzt. Es langweilt. Aber dann müsste ich nicht arbeiten und könnte andere Dinge ausprobieren.

Ich muss immer wieder an eines meiner Lieblingslieder denken. „Krieger“ von den fantastischen Vier, und dass ich nicht das Gefühl habe, bereits erwacht zu sein. Oder ist dass auch wieder nur so ein eingetrichtertes Sehnen? Ich will aber nicht, dass die Unzufriedenheit aus mir herausquillt, wie es im Text so aufrüttelnd heißt.

Nur für ein paar Stunden ans Meer, und dann gleich wieder zurück. Wind, Salz, Möwen und Sand. Und ganz kurz eiskalt baden. Darf man ungeimpfter Weise aber nicht. Und Kinder erst recht nicht, für sie gibt es ja noch keine Impfung. Versteh‘ ich schon. Trotzdem Scheisse. Mein Cousin warnt mich vor den 2000 Euro Strafe und den scharf kontrollierenden Anwohnern.

Resilienz ist eine Ressource. Heute spüre ich ihre Endlichkeit.

Wie finden Andere den Sinn, in dem was sie tun? Ist es meine eigene Existenzangst, die mich davon abhält, Veränderungen zuzulassen? Dinge auszuprobieren? Aber wenn ich nicht einmal eine Idee habe, in welche Richtung es gehen könnte?

Ich bleibe dabei. Das Leben ist echt lang… zumindest, wenn man nicht früh durch eine Tragödie stirbt. Man muss ganzschön lange mit sich selbst klarkommen. Und hat irgendwie implizit die Aufgabe, das Glück und das innere Kind, mit ins Alter zu transportieren. Zumindest denke ich das. Mich beschleicht aber immer wieder das Gefühl, dass wir hier versuchen, unser Leben nur rumzukriegen. Irgendwie machen wir hier alle dasselbe, jeder ein bisschen anders. Komme ich einfach nur nicht mit meiner Mittelmäßigkeit klar? Der eine hat keinen Fernseher, reist dafür aber übermäßig viel. Eine Andere treibt unglaublich viel Sport und ruiniert sich so ihren Körper.

Im Grunde, beneide ich sie. Sie haben etwas, was sie immer wieder machen wollen. Eine Leidenschaft. Wie kommt man da hin? Wie findet man etwas, dass einen begeistert? Etwas, dass man immer wieder tun möchte? Entscheidet man sich einfach dafür? Auch wenn es erstmal langweilig scheint?

Nie war ich großer Fan genau einer Band oder einer Schauspielerin, kein Hobby, dass sich über Jahre hält. Immer drifte ich zwischen allem und bleibe nirgens hängen. Ich würde wirklich gern irgendwo kleben bleiben.

Bewältigung – oder die größte Sucht

Die Trennung, selbst gewollt und doch ein Akt der Gewalt an sich. Danach Leere, die noch nicht als Solche erkennbar ist. Zu groß das Ego, dass glaubt etwas nachholen zu müssen. Nur kaschierend und ablenkend davon, dass nicht Sex fehlt, sondern Nähe, die Nähe die gerade aufgegeben wurde. Oder die Vorstellung davon. Also die Nähe, die am Anfang der Beziehung gegenwärtig war, und deren Vorstellung bis kurz vor Schluss hochgehalten wurde. Wie ist diese Zeit auszuhalten? Es geht doch kaum ohne Ablenkung. Ablenkung als Schutz, der nur nach und nach durchlässig wird, um es besser zu verkraften. Unvorstellbar, dass dieses Alleinsein jetzt anhalten soll. Wie ist Glück je wieder möglich? Nein, da muss schnell Ersatz her. Gleich eine neue ganz feste und tiefe Beziehung am Besten. Aber das muss fehlschlagen. Wer sollte diese Lücke füllen, die doch selbst erst einmal geschlossen werden muss? Wie soll das gehen, und vor Allem: wann ist sie endlich geschlossen? Das kann doch nicht so lange dauern, hier. All die anderen, stabilen Singles! Wie schaffen die das? Sie selbst zu sein und glücklich zu scheinen? Wie ist Zufriedenheit je wieder möglich, bei ständiger Suche nach jemanden? Jetzt in den Park, dann ist da vielleicht Jemand, oder abends ins Pub. Bloß nicht zuhause herumlungern! Raus, immer raus. Bis ein Jahr vorbei ist und wenig geklappt hat – immer noch allein, aber langsam müde. Auf sich selbst besinnend, mehr zuhause jetzt. Langsam verstehend, dass es die Müdigkeit ist, welche die anderen Singles ebenfalls zwingt, sich auf sich zu fokussieren. Immernoch Ausschau haltend aber schon ruhiger. Phasenweise wieder drängender, doch immer wieder auf sich selbst zurückfallend. Es ist wirklich wahr, das bedeutet Single sein, und es gibt keinen Ersatz für das, was war. Den kann es nie geben. Diese Erkenntnis verdrängend wieder Online daten, auf die Nase fallen immer wieder. Auch ruhige zurückgezogene Phasen. Das zweite Jahr ist um. Die Wahrheit ist, dass es keine Abkürzung gibt. Man muss da durch. Immerwieder kann man das verdrängen, sich auf Geschichten einlassen, die kolossal scheitern. Doch für Wahrhaftigkeit, ist der schwere Weg zu gehen. Sechs Jahre danach ist das vielleicht immernoch so. Wie war das so lange auszuhalten? Langsam erst anfangend nicht mehr jeden Ausflug zu machen, um eine Partnerin zu finden, sondern nur, um nicht schon wieder zuhause zu sein. Mit dem Kuchen an sich im Café zufrieden sein, statt auf Gesellschaft zu hoffen. Oder dem Konzert zu lauschen wegen der Musik, nicht, um Begegnungen zu suchen und weil es zuhause kaum auszuhalten ist. Langsam begreifend und akzeptierend, dass da eine Entwicklung im Innern im Gange ist, die irgendwohin führt und vielleicht noch lange dauert. Klar, die Hoffnung ist immer da, doch es ist nun gewiss, dass man mit ihr nicht planen kann. Man muss da selbst durch. Es gibt keine Abkürzung.

© Marcus Lewerenz